Bet

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Die Herrscher des Salomonischen Geschlechts förderten religiöse Literatur und Kunst, um damit ihre Ideologie zu verbreiten und die Orthodoxie zu festigen. Schulen waren in den Klöstern der orthodoxen Mönche untergebracht und die Ausbildung erfolgte mit einem Hauptaugenmerk auf religiöse Inhalte. Der Unterricht erfolgte in Ge’ez, das damals schon nicht mehr Konversationssprache war, und der Schulbesuch war den Angehörigen der Oberschicht vorbehalten. Nur manchmal bekamen auch begabte Bauernsöhne die Chance auf diese Ausbildung.

Die Grundstufe, das Lesen und Rezitieren von Bibelstellen, wurde im Nebab Bet („Haus des Lesens“) unterrichtet. Die orthodoxe Kirchenordnung wurde im Qedase Bet („Haus der (orthodoxen) Liturgie“) gelehrt. Zur nächsten Stufe der Ausbildung gehörte die Schule der Kirchenmusik (Zema Bet), in der es verschiedene Ausbildungsrichtungen gab (z.B. Hymnen, Totengesänge, heiliger Tanz). Ebenso unterteilt war der Unterricht im Mätsehaf Bet („Haus des Buches“), wo es als Fachrichtungen das Alte oder das Neue Testament oder die religiösen Kommentare oder das „Recht der Könige“ gab. Eine weitere Form der Ausbildung in der Oberstufe war die Q’ne Bet, eine Schule für eine besondere Art der Dichtkunst und Weisheit.

Q’ne sind Versgedichte, die aufgrund ihrer Rhythmik und Lautverschiebungen eine genaue sprachliche Kenntnis (Säwasew, „Grammatik“) und Gewandtheit in Ge’ez erfordern. Außerdem war die Kenntnis der Ge’ez-Literatur, deren Wiedergabe sowie die Fähigkeit zu kritischem Denken und vernünftiger (In-)Fragestellungen die Voraussetzung für das Verstehen und Verfassen von Q’ne. Die Technik dieser Dichtkunst wird mit den Begriffen „Wachs und Gold“ umschrieben. Damit wird ausgedrückt, dass eine bestimmte Form bzw. Ausdrucksweise, das Wachs, beim Dichten einzuhalten ist und dass die Q’ne-Dichtung immer auch einen nicht offensichtlichen Sinn, ein Geheimnis bzw. ein tiefer liegendes Wissen, das Gold, beinhalten muss. Q’ne wird gesungen vorgetragen. In Q’ne ausgebildete Menschen wurden oft als Schreiber beschäftigt.

Dass die Ausbildung und Literatur im Sinne der orthodoxen Kirche gefördert wurde, geschah nicht zuletzt deshalb, weil sich das katholische Europa zunehmend um die Verbreitung des Katholizismus in Äthiopien bemühte.

* * * Frysak, V. & Gutema, B. (Hg.): Zär'a Yaqob. Eine äthiopische Weltanschauung, Wien 2008 * * *

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