Ge’ez

Ge'ez

Die Schriften von Zär’a Yaqob und Waldä Heywat wurden in Ge’ez verfasst. Ge’ez gehört zu den semitischen Sprachen, die einen Zweig der afroasiatischen Sprachfamilie darstellen. Es ist heute nicht mehr Konversationssprache, hat sich aber als liturgische Sprache der christlichen Kirchen Äthiopiens und Eritreas erhalten.

Ge’ez, eng verwandt mit der sabäischen Sprache, war ursprünglich eine Sprache der Bauern des äthiopischen Hochlandes, entwickelte sich aber im Laufe der Zeit zur offiziellen Sprache des aksumitischen Königreiches. Es erreichte ab dem 4. Jahrhundert u. Z. den Höhepunkt seiner Verbreitung, als auch die aksumitische Kultur und Wirtschaft ihre Hochblüte erlebte. Die Ge’ez-Schriften jener Zeit sind nahezu ausschließlich religiösen Inhalts, dazu gehören Bibelübersetzungen aus dem Griechischen und Syrischen oder liturgische Texte genauso wie Heiligenerzählungen, Gebete oder Hymnen.

Durch das Vordringen des Islam im 7. Jahrhundert wurde das blühende Reich vom Handel mit Europa abgeschnitten und erlebte seinen Niedergang.  Aus der Zeit des 8. bis 12. Jahrhunderts, in der im äthiopischen Raum das Geschlecht der Zagwe regierte, sind keine Ge’ez-Schriften erhalten.

Als 1270 die „Salomonische Dynastie“ an die Macht kam, die sich als legitime Fortsetzung des aksumitischen Herrschergeschlechts begriff, war Ge’ez schon nicht mehr Konversationssprache, aber ähnlich wie Latein im europäischen Mittelalter spielte es weiterhin eine große Rolle im gelehrten Umfeld sowie im sakralen Bereich und auch als Schriftsprache, sodass die Zeit ab dem 14. Jahrhundert als das Goldene Zeitalter der Ge’ez-Literatur gilt.

Das Wissen um die historischen Ausspracheregeln ist verloren gegangen, heute gesprochenes Ge’ez wird nach amharischer Sprechweise artikuliert, das seinerseits eine Weiterentwicklung des Ge’ez sowohl im Gesprochenen als auch in der Schrift darstellt. Die Schriftzeichen gehen auf die altsüdarabische Kultur des Sabäisch-Himjarischen zurück, aus dem Ge’ez einen Großteil seiner Symbole übernommen hat.
Die ältesten Ge’ez-Quellen reichen bis ins 5. Jahrhundert v. u. Z. zurück. Aus frühen Aufzeichnungen sind 26 Silben bekannt, die wie ihre Herkunftszeichen keine Vokale enthielten. Im Unterschied zu den semitischen Schriften wurde Ge’ez jedoch nicht von rechts nach links geschrieben, sondern verlief bustrophedon. Dieser Begriff bedeutet „wie der Ochse wendet“ und bezeichnet eine Schreibweise, die sich in jeder Zeile ändert (von rechts nach links, von links nach rechts, von rechts nach links etc.). Später etablierte sich die Rechtsläufigkeit (von links nach rechts) und im Zuge der Konvertierung des aksumitischen Reiches zum Christentum veränderten sich die Schriftzeichen durch das Hinzufügen von Anhängseln als Vokale an die vorhandenen konsonantischen Zeichen. Im Zuge der Übersetzung der Bibel aus dem Griechischen fand eine Reorganisation des Ge’ez-Alphabets in Anlehnung an das griechische Alphabet statt. Die Grundelementen der Schrift sind Konsonanten, die jeweils bereits einen bestimmten Vokal (ä/a) beinhalten. Durch die Hinzufügung von verschiedenen (zunächst insgesamt sieben) Vokalzeichen ändert sich die jeweilige Grundsilbe: 

Schon im frühen Ge’ez wurden zusätzliche Silben gebildet, und im Laufe der Zeit entwickelten sich weitere Schriftzeichen und verschiedene Ausdifferenzierungen derselben. Zu den Vokalfragmenten gesellten sich in manchen Fällen Fragmente für Diphthonge (z.B. wa/oa, ya/ia) und zu manchen konsonantischen Silben verschiedene Varianten derselben wie etwa Nasale (z.B. nj) oder Labiovelare (z.B. kw, gw).

Die heutige äthiopische Staatssprache ist Amharisch. Sie geht sowohl sprachlich als auch schriftlich auf Ge’ez zurück. Ihre Schrift besteht aus 33 Grundsilben.

* * * Frysak, V. & Gutema, B. (Hg.): Zär'a Yaqob. Eine äthiopische Weltanschauung, Wien 2008 * * *

 

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