Salomonische Dynastie

Salomonische Dynastie

1270 besiegte Yekuno Amlak den letzten Herrscher der Zagwe, die ihrerseits die Herrschaft Aksums beendet hatten, und bestieg als Negusä Nägäst ("König der Könige") den Thron. Er führte seinen Stammbaum auf Salomon zurück und sah sich damit in der Tradition der alten aksumitischen Königsdynastie, wenngleich die Hauptstadt des Reiches weiterhin in der heutigen Provinz Shewa, verblieb.

Der Herrschaftsanspruch der so genannten „Salomonischen Dynastie“ wurde mit der Übersetzung einer Legende historisch und religiös legitimiert. In dieser heute als Nationalepos Äthiopiens geltenden Geschichte, dem Kebrä Nägäst („Ruhm der Könige“), wird die Legende der Königin von Saba erzählt, die nach einem Besuch beim weisen Salomon im heiligen Land dessen Sohn Menelik (Menilek, abgeleitet von der Bezichnung Ibn al-Hakim, „Sohn des Weisen“) zur Welt bringt. Makeda, die Königin von Saba, herrschte über ein großes Reich, das sich von Südarabien bis nach Äthiopien erstreckte, und ihr Sohn, das Kind Salomons, wurde schließlich der erste König von Äthiopien. Als dieser ebenfalls seinen Vater in Jerusalem besuchte, brachte er heimlich die heilige Bundeslade mit nach Hause. Bundeslade heißt die Truhe, die die steinernen Gesetzestafeln enthält, die Gott Moses am Berg Sinai übergab, um damit den Bund mit dem Volk Israel zu begründen. Bis heute wird diese Bundeslade angeblich – vor aller Öffentlichkeit geschützt – in Aksum in der Kirche der Heiligen Maria von Zion aufbewahrt. Aksum gilt deshalb als heilige Stadt, als zweites Jerusalem, und wenn es auch der Salomonischen Dynastie nicht mehr als Regierungssitz diente, so blieb es doch die Stadt des Krönungszeremoniells.

Ab dem Beginn des 16. Jahrhunderts kam es aber auch vermehrt zu Kriegen mit vordringenden islamischen Völkern, aus denen Äthiopien zunächst siegreich hervorging. 1529 wurde es jedoch von Ahmed Ibn Ibrahim al-Ghazi besiegt und besetzt. Die Folge war ein dreißigjähriger Krieg. Ahmed Grañ („der Linkshänder“), wie al-Ghazi von den Äthiopiern genannt wurde, behielt die Oberhand bis er 1543 fiel, nachdem die Portugiesen Äthiopien zu Hilfe gekommen waren.

Der junge Jesuitische Orden in Portugal war im Zuge der katholischen Missionsversuche auf Äthiopien aufmerksam geworden und sendete ab den 50er Jahren des 16. Jahrhunderts Geistliche ins Land. Unterstützt wurde dieses Vorhaben von Rom, das den jesuitischen Missionaren zur Vorbereitung einen Unterricht in äthiopischer Sprache und Kultur ermöglichte. Der Widerstand der orthodoxen Kirche in Äthiopien zeigte sich abermals durch das Verfassen und Verbreiten einer Fülle von religiöser Literatur, Glaubensbekenntnissen und Verteidigungstexten der Orthodoxie, war insgesamt aber halbherzig, weil das Land geschwächt, immer noch im Krieg gegen den islamischen Feind und voller sozialer Widersprüche war. Der Ausdruck Frang, mit dem insbesondere die portugiesischen Missionare bezeichnet wurden, geht auf das Frankenreich zurück und bezeichnet aus der Sicht orientalischer Christen die Vertreter des römisch-katholischen Glaubens.

Im Jahr 1607 wurde Susneyos Kaiser. Die orthodoxen Würdenträger Äthiopiens waren mit seiner Thronfolge aber nicht einverstanden, was es dem Herrscher umso mehr erschwerte für Frieden im Land zu sorgen. In dieser schwierigen Situation fand er Unterstützung bei den Jesuiten, und er ließ sich im Jahr 1621 von Pedro Páez katholisch taufen. 1628 wurde der Jesuit Alfonso Mendez Patriarch von Äthiopien, und er bewegte Susneyos dazu, das katholische Christentum zur Staatsreligion zu machen. Diese Entscheidung und die nachfolgenden Ereignisse sind maßgeblich für die Lebensgeschichte Zär'a Yaqobs. Entgegen allen Widerständen und ohne jede Behutsamkeit ersetzte Mendez in der Folge dieses Edikts die orthodoxen Heiligen durch katholische, forderte eine katholische Taufe aller Christen und die Neubestellung aller religiösen Würdenträger, und er räumte radikal mit den orthodoxen Bräuchen und äthiopischen Traditionen auf.  Dieses Vorgehen führte zu Aufständen und schweren Kämpfen, sodass Susneyos 1632 abdankte und seinem Sohn Fasilidäs den Thron überließ. Als dieser die Regierung übernahm (1632- 1667), gründete er die Stadt Gondär und verlegte den Regierungssitz dorthin. Er erklärte schließlich den orthodoxen Glauben wieder zur Staatsreligion und verbündete sich zur Vorbeugung gegen katholische Vergeltungsmaßnahmen mit seinen islamischen Nachbarn. Über Fasilidäs’ Regierungszeit berichten verschiedene Quellen, dass er seine Macht sehr willkürlich ausübte, sehr unnachgiebig und gnadenlos war und dass er mehrere Frauen hatte, obwohl ihm der orthodoxe Glaube nur eine einzige erlaubt hätte. Zu seiner Regierungszeit war auch der Hass auf die Jesuiten noch frisch und sehr groß, und es setzte eine Welle der Verfolgung gegen sie ein. Unter Kaiser Yohanis (1667 – 1682), dem Nachfolger Fasilidäs’, wurden schließlich alle Katholiken gezwungen, entweder zum orthodoxen Glauben überzutreten oder das Land zu verlassen.

* * * Frysak, V. & Gutema, B. (Hg.): Zär'a Yaqob. Eine äthiopische Weltanschauung, Wien 2008 * * *

Bet

Bet

Die Herrscher des Salomonischen Geschlechts förderten religiöse Literatur und Kunst, um damit ihre Ideologie zu verbreiten und die Orthodoxie zu festigen. Schulen waren in den Klöstern der orthodoxen Mönche untergebracht und die Ausbildung erfolgte mit einem Hauptaugenmerk auf religiöse Inhalte. Der Unterricht erfolgte in Ge’ez, das damals schon nicht mehr Konversationssprache war, und der Schulbesuch war den Angehörigen der Oberschicht vorbehalten. Nur manchmal bekamen auch begabte Bauernsöhne die Chance auf diese Ausbildung.

Die Grundstufe, das Lesen und Rezitieren von Bibelstellen, wurde im Nebab Bet („Haus des Lesens“) unterrichtet. Die orthodoxe Kirchenordnung wurde im Qedase Bet („Haus der (orthodoxen) Liturgie“) gelehrt. Zur nächsten Stufe der Ausbildung gehörte die Schule der Kirchenmusik (Zema Bet), in der es verschiedene Ausbildungsrichtungen gab (z.B. Hymnen, Totengesänge, heiliger Tanz). Ebenso unterteilt war der Unterricht im Mätsehaf Bet („Haus des Buches“), wo es als Fachrichtungen das Alte oder das Neue Testament oder die religiösen Kommentare oder das „Recht der Könige“ gab. Eine weitere Form der Ausbildung in der Oberstufe war die Q’ne Bet, eine Schule für eine besondere Art der Dichtkunst und Weisheit.

Q’ne sind Versgedichte, die aufgrund ihrer Rhythmik und Lautverschiebungen eine genaue sprachliche Kenntnis (Säwasew, „Grammatik“) und Gewandtheit in Ge’ez erfordern. Außerdem war die Kenntnis der Ge’ez-Literatur, deren Wiedergabe sowie die Fähigkeit zu kritischem Denken und vernünftiger (In-)Fragestellungen die Voraussetzung für das Verstehen und Verfassen von Q’ne. Die Technik dieser Dichtkunst wird mit den Begriffen „Wachs und Gold“ umschrieben. Damit wird ausgedrückt, dass eine bestimmte Form bzw. Ausdrucksweise, das Wachs, beim Dichten einzuhalten ist und dass die Q’ne-Dichtung immer auch einen nicht offensichtlichen Sinn, ein Geheimnis bzw. ein tiefer liegendes Wissen, das Gold, beinhalten muss. Q’ne wird gesungen vorgetragen. In Q’ne ausgebildete Menschen wurden oft als Schreiber beschäftigt.

Dass die Ausbildung und Literatur im Sinne der orthodoxen Kirche gefördert wurde, geschah nicht zuletzt deshalb, weil sich das katholische Europa zunehmend um die Verbreitung des Katholizismus in Äthiopien bemühte.

* * * Frysak, V. & Gutema, B. (Hg.): Zär'a Yaqob. Eine äthiopische Weltanschauung, Wien 2008 * * *

Aksum

Aksum

Äthiopien gilt als die Wiege der Menschheit. Die ältesten Überreste menschlicher Vorfahren wurden im Nordosten Äthiopiens in der Region Afar gefunden und entsprechend benannt: Australopithecus afarensis. Das Skelett ist weiblich und hat ein  Alter von ca. 3,5 Mio. Jahre alt. Bei uns wurde diese Vorfahrin als Lucy bekannt, in ihrer Heimat trägt sie den Namen Dinkinäsh („du bist wunderbar“).

Mit dem griechischen Wort Aithiopes („verbrannte Gesichter“) wurden die Einwohner der gesamte Gegend südlich Ägyptens (Nubien) bezeichnet. Die griechische Sprache war in Äthiopien durch die griechischen Siedlungen aus ptolemäischer Zeit (ca. 3. bis 1. Jhdt. v. u. Z.) verbreitet. Die von der südarabischen Halbinsel einwandernden Sabäer hatten für die Gegend des äthiopischen Hochlandes einen anderen Namen: Habesch, woraus sich die Bezeichnung „Abessinien“ ableitet. Der südarabische Einfluss auf Äthiopien lässt sich schon aus der Zeit zwischen 800 und 300 v. u. Z. nachweisen. Aus der Geschichte des Königreiches D’mt, das sich zu dieser Zeit über das heutige Nordäthiopien und Eritrea erstreckte, sind Inschriften in Sabäisch und einer äthiosemitischen Sprache, einem Vorläufer von Ge’ez, erhalten.

Um die Zeitenwende entstand im nördlichen Hochland das Königreich Aksum, das einen raschen wirtschaftlichen Aufstieg durch seinen Handel mit dem Römischen Imperium, mit Persien, mit Ägypten, Arabien und Indien verzeichnete. Die Stadt prosperierte und ihre Regenten ließen prunkvolle Bauten errichten. Bekannt wurde Aksum durch die dort errichteten Stelen, die eine Höhe von bis zu 33 m gehabt haben. Die größte heute noch aufrecht stehende Stele ist 21 m hoch. 

Die Ära der größten Blüte und Ausdehnung des aksumitischen Reiches war das 4. Jahrhundert u. Z. In diese Zeit fiel die Regierung König Ezanas, der ca. 350 zum Christentum übertrat. Diese Religion der byzantinischen Kaufleute dürfte dem aksumitischen König auch in ökonomischer und politischer Hinsicht als ideologisches Vorbild gedient haben. Er erhob das Christentum zur Staatsreligion und die große Zahl der bis dahin in Äthiopien lebenden Juden wurde schnell und auch mit Gewalt christianisiert oder vertrieben. Der heilige Frumentius (Fremenatos) war einer der Erzieher König Ezanas gewesen und wurde als Abba Sälama („Vater des Friedens“) durch den koptischen Patriarchen von Alexandria zum ersten Bischof von Äthiopien geweiht. In diese Zeit fällt auch die erste Übersetzung der Bibel in die äthiopische Sprache Ge’ez.

Aus dem Urchristentum, das sich selbst noch als Teil des Judentums verstanden hatte, waren schon im ersten Jahrhundert u. Z. mehrere Kirchen entstanden. Als Gründer der koptischen Kirche gilt der Evangelist Markus, der in Ägypten lebte und im Jahr 68 in Alexandria starb. Das Wort Kopte kommt vom Arabischen qubti und bedeutet „Ägypter“. Zur Zeit der Christianisierung Äthiopiens waren trotz der weitläufigen Handelverbindungen seine religiösen Beziehungen zum alexandrinischen Patriarchat stärker ausgeprägt als zu den anderen orientalischen Kirchen oder gar zu Byzanz oder Rom.

Im 6. Jahrhundert begründeten syrische Mönche, die sogenannten „Neun Heiligen“, das Mönchtum in Äthiopien. Sie gründeten viele Klöster im Land und es wird ihnen verschiedentlich die Übersetzung der Evangelien in Ge’ez nachgesagt. Zur selben Zeit lebte auch der heilige Yared, um dessen Weisheit sich einige Legenden ranken. Er war ein gelehrter und religiöser Mann, der sich bleibend um die äthiopische Kirchenmusik (Zema) verdient machte und als ihr Begründer gilt. Er schrieb Hymnen und Gesänge, die noch heute gesungen werden, er erfand eine Notenschrift und er führte Instrumente (Rassel, Trommel) in die Kirchenmusik ein, die immer noch Bestandteil derselben sind.

1270 setzte Yekuno Amlak nach vier Jahrhunderten Herrschaft der Zagwe mit einem militärischen Sieg die Salomonische Dynastie fort. Aksum, die Stadt, die der Legende nach die Bundeslade beherbergt, galt als heilige Stadt. Sie diente zwar nicht mehr als Regierungssitz diente, blieb aber die Stadt des Krönungszeremoniells.

* * * Frysak, V. & Gutema, B. (Hg.): Zär'a Yaqob. Eine äthiopische Weltanschauung, Wien 2008 * * *

Ge’ez

Ge'ez

Die Schriften von Zär’a Yaqob und Waldä Heywat wurden in Ge’ez verfasst. Ge’ez gehört zu den semitischen Sprachen, die einen Zweig der afroasiatischen Sprachfamilie darstellen. Es ist heute nicht mehr Konversationssprache, hat sich aber als liturgische Sprache der christlichen Kirchen Äthiopiens und Eritreas erhalten.

Ge’ez, eng verwandt mit der sabäischen Sprache, war ursprünglich eine Sprache der Bauern des äthiopischen Hochlandes, entwickelte sich aber im Laufe der Zeit zur offiziellen Sprache des aksumitischen Königreiches. Es erreichte ab dem 4. Jahrhundert u. Z. den Höhepunkt seiner Verbreitung, als auch die aksumitische Kultur und Wirtschaft ihre Hochblüte erlebte. Die Ge’ez-Schriften jener Zeit sind nahezu ausschließlich religiösen Inhalts, dazu gehören Bibelübersetzungen aus dem Griechischen und Syrischen oder liturgische Texte genauso wie Heiligenerzählungen, Gebete oder Hymnen.

Durch das Vordringen des Islam im 7. Jahrhundert wurde das blühende Reich vom Handel mit Europa abgeschnitten und erlebte seinen Niedergang.  Aus der Zeit des 8. bis 12. Jahrhunderts, in der im äthiopischen Raum das Geschlecht der Zagwe regierte, sind keine Ge’ez-Schriften erhalten.

Als 1270 die „Salomonische Dynastie“ an die Macht kam, die sich als legitime Fortsetzung des aksumitischen Herrschergeschlechts begriff, war Ge’ez schon nicht mehr Konversationssprache, aber ähnlich wie Latein im europäischen Mittelalter spielte es weiterhin eine große Rolle im gelehrten Umfeld sowie im sakralen Bereich und auch als Schriftsprache, sodass die Zeit ab dem 14. Jahrhundert als das Goldene Zeitalter der Ge’ez-Literatur gilt.

Das Wissen um die historischen Ausspracheregeln ist verloren gegangen, heute gesprochenes Ge’ez wird nach amharischer Sprechweise artikuliert, das seinerseits eine Weiterentwicklung des Ge’ez sowohl im Gesprochenen als auch in der Schrift darstellt. Die Schriftzeichen gehen auf die altsüdarabische Kultur des Sabäisch-Himjarischen zurück, aus dem Ge’ez einen Großteil seiner Symbole übernommen hat.
Die ältesten Ge’ez-Quellen reichen bis ins 5. Jahrhundert v. u. Z. zurück. Aus frühen Aufzeichnungen sind 26 Silben bekannt, die wie ihre Herkunftszeichen keine Vokale enthielten. Im Unterschied zu den semitischen Schriften wurde Ge’ez jedoch nicht von rechts nach links geschrieben, sondern verlief bustrophedon. Dieser Begriff bedeutet „wie der Ochse wendet“ und bezeichnet eine Schreibweise, die sich in jeder Zeile ändert (von rechts nach links, von links nach rechts, von rechts nach links etc.). Später etablierte sich die Rechtsläufigkeit (von links nach rechts) und im Zuge der Konvertierung des aksumitischen Reiches zum Christentum veränderten sich die Schriftzeichen durch das Hinzufügen von Anhängseln als Vokale an die vorhandenen konsonantischen Zeichen. Im Zuge der Übersetzung der Bibel aus dem Griechischen fand eine Reorganisation des Ge’ez-Alphabets in Anlehnung an das griechische Alphabet statt. Die Grundelementen der Schrift sind Konsonanten, die jeweils bereits einen bestimmten Vokal (ä/a) beinhalten. Durch die Hinzufügung von verschiedenen (zunächst insgesamt sieben) Vokalzeichen ändert sich die jeweilige Grundsilbe: 

Schon im frühen Ge’ez wurden zusätzliche Silben gebildet, und im Laufe der Zeit entwickelten sich weitere Schriftzeichen und verschiedene Ausdifferenzierungen derselben. Zu den Vokalfragmenten gesellten sich in manchen Fällen Fragmente für Diphthonge (z.B. wa/oa, ya/ia) und zu manchen konsonantischen Silben verschiedene Varianten derselben wie etwa Nasale (z.B. nj) oder Labiovelare (z.B. kw, gw).

Die heutige äthiopische Staatssprache ist Amharisch. Sie geht sowohl sprachlich als auch schriftlich auf Ge’ez zurück. Ihre Schrift besteht aus 33 Grundsilben.

* * * Frysak, V. & Gutema, B. (Hg.): Zär'a Yaqob. Eine äthiopische Weltanschauung, Wien 2008 * * *

 

Hätäta

Hätäta

Der Äthiopien-Forscher Antoine d’ Abbadie (1810 – 1897) trug während eines 12-jährigen Aufenthaltes in Äthiopien ein Konvolut an Manuskripten zusammen und fasste diese 1859 in einem Erläuterten Katalog äthiopischer Manuskripte zusammen, der heute in der französischen Nationalbibliothek aufbewahrt wird. Unter Nummer 215 finden sich zwei Texte mit dem Titel Hatata Zar’a Ya’iqob (hätäta = Untersuchung) und Hatata Walda hiywat. Unter Nummer 234 ist ein weiteres Dokument erfasst, das ebenfalls den Titel Hatata Zar’a Ya’iqob trägt und zu dem ausgeführt ist, dass es vom italienischen Missionar Pater Giusto d’Urbino abgeschrieben worden war, der darin „die Darstellung einer atheistischen Schlussfolgerung“ sah und „befürchtend, dass dieses seltene Buch verloren gehen würde“, eine Abschrift an d’Abbadie geschickt hatte.  

Zur Untersuchung Zär’a Yaqobs unter Nummer 215 führt d’Abbadie aus:
„Dieser in Aksum geborene Professor legt hier seine Zweifel an allen Religionen dar und bekennt sich zu einem reinen Deismus. In Äthiopien ist die Autobiografie eines belesenen Menschen schon eine große Seltenheit, diese hier ist noch bedeutender aufgrund ihrer großen Unbefangenheit, der Details der Sitten, die sie enthält, und aufgrund der zeitgenössischen Geschichtskenntnis, die man anderswo vergeblich sucht. Der Autor spricht von der Vertreibung der Portugiesen und er brandmarkt Fasiladas [Fasilidäs] strenger als es die jesuitischen Opfer dieses Königs jemals getan haben. Dieses Werk von fesselndem Stil ist in gi’iz [Ge’ez] geschrieben und man findet darin das Wort tyef statt dem amharischen tef [Teff], eine Art Rispengras, das der Überlieferung folgend erst ab dem Beginn des 16. Jahrhunderts ein gebräuchliches Getreide geworden ist.“

Zum Text von Waldä Heywat ist zu erfahren:
„Der vollständige Titel lautet: Buch der Weisheit, der Forschung, der Philosophie und der Beweisführung, verfasst von einem großen Gelehrten unseres Landes, der Walda hiywat genannt wird. Dieses Buch beinhaltet vom Verstand diktierte Ratschläge gegen die am meisten verbreiteten Missstände in Äthiopien: Also tadelt der Autor jene, die ihr Heil in einem abgeschiedenen Leben suchen, weil Gott will, dass die Menschen für einander da sind; der Hände Arbeit ist ehrenwert, weil man ohne sie nicht überleben könnte; etc. Die Ermahnungen des W. hiywat können seine Herkunft nicht verleugnen, wenn er sagt, dass ein Bett im Hochland zwei Ellen über dem Boden und in Tallagen drei oder vier oder noch mehr Ellen hoch sein muss; dass ein Haus groß und hell sein muss; etc. Einige Meinungen aus diesem Buch sind von den Professoren aus Gondar lebhaft und mit Recht missbilligt worden, weil der Autor, indem er die Nachteile eines allzu kontemplativen Lebens aufzeigen will, sich offensichtlich in eine entgegengesetzte Übertreibung stürzt. Der Autor ist oft unter dem Namen mannañ Gabra hiyot zitiert.“

Alle von d’Abbadie archivierten Texte sind Abschriften. Die Originale, die d’Urbino besessen haben dürfte, sind verschwunden. Ihr Fehlen sowie der religionskritische Inhalt der Texte geben bis heute Anlass zu verschiedenen Spekulationen über ihre Authentizität. Lange wurde d’Urbino beschuldigt, seine eigene Meinung auf diese Weise verbreitet zu haben. Claude Sumner, kanadischer Philosoph und Wahläthiopier, schloss dies jedoch in seiner sehr detaillierten Untersuchung der Texte und ihrer Urheberschaft aus (vgl. Sumner, Claude: „The Treatise of Zär’a Ya’eqob and of Wäldä Heywat. Text and Authorship” in: Ethiopian Philosophy, Volume II, Addis Ababa, 1976).

1904 übersetzte Enno Littmann, ein deutscher Orientalist, beide Untersuchungen ins Lateinische. 1916 verfasste er die erste deutsche Übersetzung des Textes von Zär’a Yaqob.

Claude Sumner legte 1976/78 eine englische Übersetzung beider Texte sowie einen umfangreichen Kommentar dazu vor. Seine Arbeit ist die Grundlage unserer Publikation.

* * * Frysak, V. & Gutema, B. (Hg.): Zär'a Yaqob. Eine äthiopische Weltanschauung, Wien 2008 * * *

Zär’a Yaqob

Zär'a Yaqob

Von Zär’a Yaqob und seinem Schüler Waldä Heywat wissen wir kaum mehr, als sie selbst über sich erzählen:

Zär’a Yaqob wurde am 28. August 1600 (25. Nähase 1592) als Kind einer Familie von Bauern in der Gegend von Aksum geboren. Sein Rufname war Warqyä („mein Gold“). Aufgrund seiner Gelehrsamkeit in der Grundschule durfte er auch den Unterricht der Zema Bet besuchen, wechselte von dort aber rasch zu einer Ausbildung in die Q’ne Bet.

Die Geschichte Äthiopiens zur Lebenszeit Zär’a Yaqobs deckt sich mit dem, was er 68jährig auf die Bitte seines Schülers Waldä Heywat hin aufschrieb. Die Intention des Buches war allerdings nicht die einer politischen Chronik, sondern die des Festhaltens von Erkenntnissen. Als Gelehrter mit Q’ne-Ausbildung konnte Zär’a Yaqob nicht nur schreiben (Ge’ez war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr Konversations-, wohl aber Schriftsprache), sondern er hatte auch eine Schulung seines kritischen Verstandes erfahren. Dazu kamen das Schicksal seiner eigenen Denunziation, Flucht und Einsamkeit, die sein Sinnen über die Welt beeinflussten und ihn zu ethischen und metaphysischen Reflexionen brachten, in deren Mittelpunkt die menschliche Vernunft stand.

„Seine Ideen heben sich vom Rahmen seiner Zeit wohltuend ab. Das wird sowohl in der Auffassung deutlich, daß Mann und Frau in der Ehe gleichberechtigt sind, als auch in seinem universellen Postulat der Gleichheit der Völker dieser Erde.“ (Hopfmann, Jürgen: Altäthiopische Volksweisheiten im historischen Gewand; Frankfurt/Main, 1992)

„Zar’a Jacob gehört keiner bestimmten philosophischen Schule an, er begründet auch keine, wenngleich er einen unmittelbaren Schüler, Walda Heiwat, hat, der ebenfalls eine philosophische Abhandlung verfasst. Es gibt jedoch so etwas wie eine geistige Verwandtschaft mit der neuzeitlichen europäischen Philosophie, die ihm vermutlich nicht bewusst ist.“ (Krause, Andrej: „Spezielle Metaphysik in der Untersuchung des Zar’a Jacob (1599 – 1692)“ in: Archiv für Geschichte der Philosophie, Wolfgang Bartuschat und Christoph Horn (Hg.), Sonderdruck, Berlin, 2003, S 332f)

Waldä Heywat, genannt Metku („Ersatz“), ist der Name des jüngsten Sohnes von Habtä-Egzi’abeher. Dieser war ein reicher Mann aus Enferaz, in dessen Dienste Zär’a Yaqob trat. Er wurde in den ersten Jahren nach dem Tod Kaiser Susneyos’ als Schreiber und Lehrer der beiden jüngeren Söhne engagiert, was sich auf etwa 1634 datieren lässt, die beiden Kinder müssen zu diesem Zeitpunkt zwischen 6 und 8 Jahren alt gewesen sein.

Waldä Heywat lässt uns wissen, dass er von da an bis zum Tod Zär’a Yaqobs von diesem lernte. Zär’a Yaqob starb 1693/94 in Enferaz. Das teilt uns Waldä Heywat im letzten Kapitel des Buches von Zär’a Yaqob mit und er berichtet, dass er selbst zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Information bereits ein hohes Alter erreicht und ein eigenes Buch verfasst hat. Auf der Grundlage dieses Hinweises forschte Giusto d’Urbino, in dessen Hände der Text Zär’a Yaqobs im 19. Jahrhundert gelangt war, nach diesem weiteren Buch.

„Während in der Schrift Zar’a-Jacobs alles ursprünglich ist und seine Gedanken naiv aus einer ungewöhnlichen Begabung fließen, fühlen wir in Walda-Heiwat sofort den Epigonen. Er […] tritt die Gedanke breit und moralisiert ziemlich stark.“ (Littmann, Enno: Zar’a-Jacob. Ein einsamer Denker in Abessinien, Berlin, 1916, S IV)

„Es muß aber bei der Wertung der Leistung des Wäldä Heywat beachtet werden, daß er zu diesen Lösungen von einem anderen sozialen Standpunkt kam, und daß sich sein Standpunkt immer dann von dem seines Lehrers unterscheidet, wenn die Verschiedenheit ihrer gesellschaftlichen Positionen wesentlich wird.“ (Hopfmann, Jürgen: Altäthiopische Volksweisheiten im historischen Gewand; Frankfurt/Main, 1992, S 189)

* * * Frysak, V. & Gutema, B. (Hg.): Zär'a Yaqob. Eine äthiopische Weltanschauung, Wien 2008 * * *

Ibn Ruschd

Ibn Ruschd

Ibn Ruschd  (lateinisiert: Averroës) wurde 1126 in Córdoba geboren und starb 1198 im Exil in Marrakesch. Er stammte aus einer Juristenfamilie, studierte Recht, Medizin und Philosophie und war Richter in Cordoba. Über Vermittlung Ibn Tufails wurde er dem Kalifen Abu Yusuf vorgestellt und verfasste in dessen Auftrag einen exegetischen Kommentar zu Aristoteles. Diese gründliche Arbeit brachte ihm das spätere Lob der christlichen Scholastiker ein, die Ibn Ruschd als „den Kommentator“ bezeichnete.

In seine eigene Lehre übernahm Ibn Ruschd wie seine philosophischen Vorgänger unter anderem die von Aristoteles ausgebaute Theorie von den vier Elementen: Erde, Feuer, Wasser und Luft, als die Grundstoffe der Materie. Alle Körper der Welt bestanden in ihrem Inneren aus verschiedenen Anteilen von zwei oder mehreren der vier Elemente. Aristoteles hatte ihnen die Eigenschaften warm, kalt, trocken und feucht zugeordnet und darüber hinaus ein fünftes Element, die Quintessenz, hinzugefügt. Dieses Element, der Äther, war von grundsätzlich andersartiger Natur und von absoluter Einfachheit. Er war weder warm noch kalt, weder trocken noch feucht und konnte auch keine dieser Eigenschaften annehmen. 

Ibn Ruschd verfasste mit dem Titel tahafut at-tahafut ("Inkohärenz der Inkohärenz") eine sehr konkrete, detaillierte und scharfe Entgegnung auf das Buch tahafut al-falasifa ("Inkohärenz der Philosophen") des al-Ghazali. Er zitierte dessen Text fast komplett und kommentierte ihn Abschnitt für Abschnitt kritisch. Mit diesen beiden Schriften ist eine detaillierte Diskussion zum Problem der Ewigkeit der Welt schriftlich erhalten. Es geht dabei aus Ibn Ruschds Text nicht eindeutig hervor, dass er die Ewigkeit der Welt beweisen wollte, vielmehr scheint es so zu sein, dass Ibn Ruschd die Vertretbarkeit des philosophischen Standpunktes, also die rationalen Welterklärung, rehabilitieren wollte.

Darüber hinaus hielt er Religion aus gesellschaftlich-moralischen Zwecken für notwendig, weil sie den Menschen mit ungeschultem Verstand, denen die wissenschaftliche Betrachtungsweise nicht zugänglich war, als Richtschnur diente. Er sah die grundsätzlichen Ziele von Religion und Philosophie als dieselben an. In tahafut at-tahafut beharrte er auf der strikten Trennung beider Disziplinen, weil sie für ihn verschiede Methoden darstellten, die nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten.  

Im Streit mit muslimischen Traditionalisten wurde Ibn Ruschd 1195 verbannt, seine Lehre verboten und seine Schriften verbrannt. Der Kalif Abu Yusuf, in dessen Diensten Ibn Ruschd stand, hob das Urteil zwei Jahre später, kurz vor dem Tod Ibn Ruschds wieder auf. Seine Lehren fanden unter seinem lateinisierten Namen bis in die Frührenaissance Fortführung durch die christliche Scholastik und im jüdischen Averroismus.

* * * Ibn Tufail: Hayy Ibn Yaqdhan. Ein muslimischer Inselroman; Wien 2007 * * *

Ibn Tufail

Ibn Tufail

Ibn Tufail wurde ca. 1105 in Wadi Ash (Guádix) bei Granada geboren. Er studierte Medizin in Córdoba und wurde von den Herrschern der Almohadendynastie gefördert, die ab 1146 den Maghreb und Andalusien beherrschten. Ibn Tufail zog sich 1182 von seiner Tätigkeit am Hof der Almohaden zurück und starb 1185 in Marrakesch.

Ibn Tufail war Arzt, Astronom, Physiker und Philosoph. Von 1147 bis 1163 stand er im Dienst des Gouverneurs von Ceuta und Tanger, 1163 wurde er von Abu Yaqub Yusuf nach Marrakesch berufen und zum Leibarzt und Wesir ernannt. Ibn Tufail hatte damit eine zentrale politische Position seiner Tage inne, er genoss großen Einfluss am Hof und war ein angesehener Lehrer und Mäzen seiner Zeit. Er förderte Ibn Ruschd, den er 1169 dem Sultan vorstellte und der ihm einige Jahre später im Amt nachfolgte.

Ibn Tufail schrieb nicht nur philosophische und theologische Texte, sondern auch astronomische und medizinische Bücher. Er kritisierte das ptolemäische System, und es weist einiges darauf hin, dass er über großes astronomisches und kosmografisches Wissen verfügte. So setzte er sich auch über die Annahme seiner Zeit von sieben Klimazonen hinweg, deren vierte (Spanien, Griechenland, Nordpersien)  als gemäßigtste angesehen wurde.

Seine Werke sind größtenteils verloren gegangen. Erhalten ist neben einem Lehrgedicht nur der Roman Hayy Ibn Yaqdhan ("Der Lebende, Sohn des Erwachten"), den Ibn Tufail 1175 verfasste. Er beschreibt darin den Erkenntnisprozess des Protagonisten, Hayy Ibn Yaqdhan, der keine anderen Menschen als Lehrer und keine Offenbarungsschrift zur Vorlage hat.  Alle Erkenntnis eines so aufwachsenden Menschen muss aus ihm selbst, aus seinem Denken, seiner Vernunft kommen. Durch die im Text dargestellte spätere Begegnung des Protagonisten mit einem Menschen islamischen Glaubens illustriert Ibn Tufail die Parallelität von Vernunft- und Glaubenswahrheit, nicht ohne auf subtile Weise der Vernunft dabei den Vorzug zu geben.

* * * Ibn Tufail: Hayy Ibn Yaqdhan. Ein muslimischer Inselroman; Wien 2007 * * *

Al-Ghazali

Al-Ghazali

Al-Farabi und Ibn Sina, diesen Wegbereitern der Falsafa, folgte der Ascharit al-Ghazali, ein Erzkritiker der Lehren des älteren Kalam. Er wurde 1058 in Tus (Iran) geboren und starb 1111 ebenda. Al-Ghazali studierte Recht, Theologie, Logik und Philosophie, gewann rasch an Ansehen und wurde im Alter von 33 Jahren an die Universität von Bagdad berufen. Er lehrte und verfasste einige Bücher, unter anderem das von Ibn Tufail zitierte mizan al-´amal ("Waage des Handelns"). Sein wachsendes Wissen stürzte ihn bald in eine tiefe Krise, getragen vom Zweifel an der Möglichkeit jeglicher Erkenntnis. 

In seinem Werk tahafut al-falasifa ("Inkohärenz der Philosophen") stellte er die Konzepte der Falsafa in Frage. Er referierte in dieser Schrift die wichtigsten philosophischen Meinungen seiner Zeit, um sie in der Folge scharf anzugreifen. Auf diese Weise verteidigte er auch das theologische Dogma von der Erschaffung der Welt ex nihilo gegen die Lehre von der Ewigkeit der Welt.

Al-Ghazali ging es in seiner Kritik allerdings nicht um die philosophische Methode, denn dieser konnte er einiges abgewinnen. Besonders die aristotelische Logik hatte es ihm angetan, und er selbst verfasste mehrer Werke zur Logik. Wogegen sich al-Ghazali aber richtet waren die metaphysischen Thesen der Philosophen. Im tahafut al-falasifa bezichtigte er Philosophen wie al-Farabi oder Ibn Sina des Unglaubens, indem er ihre Konzepte von Gott und dem Prophetentum in Frage stellte. Er griff dabei die Philosophie mit ihren eigenen Waffen an, indem er sich vernünftiger Begründungen und logischer Argumentationen bediente.

Al-Ghazali war aufgrund eigener Erfahrungen von der Unzuverlässigkeit der Vernunft in metaphysischen Fragen überzeugt und begann, sich mit dem Sufismus zu befassen. Seine Lehrtätigkeit und die Anhäufung von Wissen wurden ihm zuwider. Als er auch noch schwer krank wurde, entschloss er sich, sein Leben zu ändern. Er wollte er Erkenntnis durch Erfahrung erlangen und wusste, dass ihm weder sein Wissen noch die Vernunft dabei helfen würde. Er verließ seine Arbeit und seine Familie und ging als Sufi nach Damaskus, später nach Jerusalem.

Das Herz bekam eine zentrale Bedeutung in seinem Denken, von dem die Vernunft nur ein Teil war. Das Herz war ein göttliches Organ, durch das der Mensch rechtgeleitet wurde. Es besaß die Fähigkeit zur Gotteserfahrung und musste deshalb von irdischem Ballast frei gemacht und frei gehalten werden. Was al-Ghazali in diesen Jahren der Verinnerlichung erlebte, gab er nicht preis. Seine (auch von Ibn Tufail) zitierte Aussage dazu stammt aus dem al-munqidh min al-dhalal ("Der Erretter aus dem Irrtum"): "Es geschah, was geschah, ich erinnere es nicht. Als Gutes vermut´ es, erfrage es nicht."

* * * Ibn Tufail: Hayy Ibn Yaqdhan. Ein muslimischer Inselroman; Wien 2007 * * *

Ibn Sina

Ibn Sina

Ibn Sina (lateinisiert: Avicenna) wurde 980 in Afschana in der Nähe von Buchara geboren und starb 1037 in Hamadan (Iran), wo er auch begraben liegt. Die letzten eineinhalb Jahrzehnte seines Lebens lehrte er Philosophie und Medizin in Isfahan.

Ibn Sina machte bereits als junger Arzt wegen seiner großen Heilerfolge von sich reden. Als begehrter Arzt in den Herrscherhäusern hatte er Zugang zu deren reichen Bibliotheken, aus denen er autodidaktisch sein Wissen erweiterte. Die Schriften des Aristoteles, Plotins und al-Farabis beeinflussten sein philosophisches Denken.  Nach Aristoteles ist die Materie das Substrat aller Dinge, und sie besitzt selbst keine Eigenschaften. Erst durch die Verbindung mit der Form wird sie zur Wirklichkeit. Der Begriff morphe steht für Gestalt, Aussehen oder Form, hyle hingegen bezeichnet die Substanz, Materie bzw. Stofflichkeit (Hylemorphismus).

Dieser Gedanke hatte großen Einfluss auf die mittelalterliche islamische Philosophie und wurde dort weiterentwickelt: Im kitab asch-schifaa ("Buch der Genesung"), dem metaphysischen Hauptwerk Ibn Sinas, das sich mit der Heilung der Seele beschäftigte, unterschied er zwischen dem Wesen der Dinge und ihrer Existenz. Er stellte fest, dass Existenz keine notwendige Bedingung des Wesens sei und dass von seiner inneren Konsistenz bloß die Möglichkeit zur Existenz abhinge. Aus sich selbst seien die Dinge der Welt also immer nur möglich, aber nie notwendig. Und weil sie aber existierten, musste es eine notwendige Ursache dafür geben, die wiederum eine notwendige Ursache hatte und an deren Ende sich eine Existenz fand, deren Notwendigkeit zum Wesen gehörte. Diese notwendige Existenz war Gott, der zugleich Ursache und notwendige Bedingung für alles andere war (Kontingenzbeweis der Existenz Gottes).

Weil also die Welt und die menschliche Vernunft aus dieser selben Quelle stammten, hielt Ibn Sina eine adäquate Erkenntnis der Welt durch die Vernunft für möglich.

Wie al-Farabi war auch Ibn Sina ein Verfechter der Theorie von der Ewigkeit der Welt. Beide argumentierten auf aristotelischer Grundlage und standen damit in einem scheinbaren Widerspruch zur koranischen Auffassung von der Erschaffung der Welt. Die Philosophen begründeten diese Divergenz damit, dass die Sprache der Offenbarung aus dem Grund bildhaft war, dass sie von der nichtphilosophischen Mehrheit der Menschen verstanden werden konnte. Und nur wenn der geoffenbarte Text wörtlich genommen würde, stünde er im Widerspruch zu den philosophischen Theorien. Richtig – nämlich philosophisch – interpretiert, befänden sich die Wahrheiten von Offenbarung und Philosophie in Übereinstimmung.

Im Laufe seines Lebens verfasste Ibn Sina an die 100 Bücher. Er schrieb in Arabisch und auf Farsi (Persisch). Ibn Tufail bezieht sich unter anderem auf sein heute verloren gegangenes al-falsafa al-maschriqiyya ("Die orientalische Philosophie").

Ibn Sinas medizinisches Lehrbuch al-qanun fi at-tibb ("Der Kanon der Medizin") wurde zur Grundlage wissenschaftlicher Heilkunst im gesamten mittleren Osten und in Europa.  Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zählte es neben den Werken von Hippokrates und Galen zu den Grundlagen medizinischer Ausbildung.

* * * Ibn Tufail: Hayy Ibn Yaqdhan. Ein muslimischer Inselroman; Wien 2007 * * *