Al-Farabi

Al-Farabi

Al-Farabi wurde um 870 geboren. Seine Herkunft ist strittig, er war entweder persischer oder türkischer Abstammung, kam aber bereits als Kind nach Damaskus, wo er 950 auch verstarb. Er war einer der bedeutendsten islamischen Philosophen des Mittelalters, ein herausragender Logiker und ein ausgezeichneter Musiktheoretiker. Seine vielfältigen und umfassenden Kommentare zu Aristoteles brachten ihm den Namen „Zweiter Lehrer“ (neben Aristoteles als erstem) ein.

Al-Farabis Metaphysik, Kosmologie, Psychologie und Erkenntnistheorie standen in engem Zusammenhang mit seinem politischen Denken. Seiner Emanationstheorie zufolge geht die Welt von Gott aus, von dem ein erster Intellekt emaniert („ausfließt“). Der Intellekt der höchsten Sphäre ist als unmittelbare Emanation des göttlichen Intellekts am vollkommensten, während die Welt von Entstehen und Vergehen die letzte Emanation des wirkenden Intellekts ist. Dieser Intellekt kann als eine Art erkenntnisvollen Seelenzustands oder als Vernunftseele verstanden werden. 

Der Mensch in der Welt von Entstehen und Vergehen verfügte über eine solche Vernunftseele und war daher potenziell zu Erkenntnis fähig. Die Unterscheidung, ob etwas tatsächlich stattfindet oder ob sein Stattfinden zwar möglich, aber eben nicht aktuell ist, wird in der Philosophie als in actu („dem Akt nach“ – aktuell, verwirklicht) und in potentia („der Potenz nach“ – potenziell, möglich) bezeichnet.

Der Mensch war also aufgrund der Vernunftseele zunächst der Potenz nach erkenntnisfähig. Aus diesem Grund war er unter den Dingen der Welt hierarchisch am höchsten gestellt. Seinen Intellekt musste er aber erst noch verwirklichen. Diese Aktualisierung der Vernunftseele nahm ihren Ausgang in der Sinneswahrnehmung, durch deren Reize der wirkende Intellekt arbeiten, umsetzen und abstrahieren konnte. Eine verwirklichte Vernunftseele wurde immateriell und daher vom Körper trennbar. Eine solche erkenntnisvolle Seele erfuhr nach dem Tod des Körpers im Verband mit anderen Seelen ewige Glückseligkeit. Seelen, die aus der Potenzialität nicht in die Aktualität gelangten, konnten sich nicht von der Materie trennen und mussten deshalb mit ihr untergehen. Al-Farabi wusste auch von Seelen, die verwirklicht waren, sich aber gegen den Weg der Erkenntnis entschieden hatten. Solche Seelen hatten dann ebenfalls eine immaterielle Existenz, die sie jedoch in großer Qual zubrachten.

Von al-Farabi sind über 100 Bücher erhalten, 43 davon zur Logik. Viel beachtet werden aber auch seine Schriften zur Musik, wie zum Beispiel kitab al-musiqa al-kabir ("Das große Buch der Musik"), oder seine soziologischen Werke wie risala fi ara ahl al-madinat al-fadhila ("Abhandlung über die ideale Stadt"). Über viele Jahrhunderte fand das philosophische Textbuch fusus al-hikam ("Siegel der Weisheit") Verwendung, genauso wie kitab ihsa al-'ulum ("Buch über die Einteilung der Wissenschaften"). Ibn Tufail erwähnt folgende Texte al-Farabis: kitab al-milla al-fadhila ("Buch über die ideale Religion"), as-siyasah al-madamiyyah ("Der Musterstaat") und kitab al akhlaq ("Buch der Ethik").

* * * Ibn Tufail: Hayy Ibn Yaqdhan. Ein muslimischer Inselroman; Wien 2007 * * *

Falsafa

Falsafa

Der Begriff „Philosophie“ war dem Arabischen fremd, und es wurde daher das griechische Wort transkribiert und als falsafa in den Sprachgebrauch aufgenommen. Die Themen und Problematiken der islamischen Philosophie im Mittelalter entsprachen zu einem guten Teil denen der antiken griechischen Philosophie. Deren Lehren wurden vor dem Hintergrund eines intellektuell-islamischen Kontextes in den Blick genommen. An der Beschäftigung mit dem griechischen Wissen brachen neue Fragen auf, und der Prozess der Auseinandersetzung mit diesen Theorien führte in der islamischen Praxis zur Entwicklung eigener Lehren. Besonders die metaphysischen Konzepte der hellenistischen Philosophie wurden versucht, in einen Einklang mit der koranischen Auffassung zu bringen.

Eine der letzten Schulen des älteren Kalam waren die Mutaziliten (die "Zurückgezogenen"). Sie sahen sich der Vernunft verpflichtet und spalteten sich von den traditionstreuen Mutakallimun ab. Sie traten dafür ein, dass der Vernunft der Vorzug gegeben werden sollte, wenn Offenbarung bzw. Überlieferung in einem Widerspruch zur Vernunft standen. Diese Denker operierten erstmals mit griechischen Begrifflichkeiten in islamisch-theologischen Diskursen und bedienten sich der Methoden der griechischen Philosophie wie der Dialektik. Darüber hinaus beschäftigten sich auch mit Kosmologie, Psychologie, Moralphilosophie und anderem. Ein ethischer Standpunkt der Mutaziliten war zum Beispiel der, dass die Vernunft unabhängig von der Offenbarung in der Lage sei, die moralische Qualität einer Handlung zu erkennen.

Auf die Mutaziliten folgte die Schule der Aschariten, die bereits dem jüngeren Kalam zugezählt werden. Begründet von Abu Hasan al-Aschari (ca. 873-935), einem orthodoxen sunnitischen Theologen, kam es zu einer Wende in der Haltung innerhalb des Kalam hin zu traditionalistischeren Standpunkten. Weil die philosophischen Prinzipien der Argumentation aber bereits die Grundlage der Diskurse geworden war, bediente sich auch der ascharitische Kalam der dialektischen Methode und der rationalen Argumentation, um sich gegen deren Vordringen selbst zu behaupten (al-Ghazali). Auf diese Weise wurden die ascharitischen Mutakallimun im Kampf gegen den philosophischen Neuerungsgeist dazu geführt, mit der eigenen Doktrin in eine rationale Auseinandersetzung zu treten.

* * * Ibn Tufail: Hayy Ibn Yaqdhan. Ein muslimischer Inselroman; Wien 2007 * * *

Kalam

Kalam

Das islamische Denkgebäude lässt sich anhand seiner Fragestellungen in zwei Bereiche unterteilen:
Zum einen gibt es die „Wissenschaft des Wortes“, ilm al-kalam, die sich mit den Glaubensfragen und Prinzipien der islamischen Religion beschäftigt (eigentlich: "Wissenschaft vom Wort Gottes", Theologie). Es geht dabei um Themen wie die Einheit und die Attribute Gottes, die Prophetie, die Offenbarung, das Jenseits, die Belohnung und Bestrafung, die Vorsehung oder die menschliche Freiheit.
Zum anderen gibt es die religiöse Jurisprudenz, ilm al-figh, die sich mit den Belangen der Verhaltensregeln auseinandersetzt. Ein Teil davon umfasst die vorgeschriebenen Rituale, wie Gebet, Fasten, Pilgerfahrt etc., ein anderer Teil betrifft vertragliche Vorschriften, wie Eheschließung, Erbschaft, Kauf, Tausch, Miete etc.

Der Bereich der Glaubenssätze, ilm al-kalam, entwickelte sich anhand aufkeimender Diskussionen zu einer theologischen Disziplin, in der sich im Laufe der Zeit verschiedene Schulen herausbildeten. Der Beginn der Eigenständigkeit dieser Disziplin kann in der zweiten Hälfte des siebenten Jahrhunderts angesiedelt werden. Al-Hasan al-Basri (642 – 728) wird oft als Begründer angeführt, da von ihm die ersten Diskussionen zur Willensfreiheit des Menschen bekannt wurden.

Die Aufgabe des Kalam war es, die Wahrheit des religiösen Glaubens zu argumentieren. Zweifel und Einwände sollten beseitigt, anders lautende Standpunkte überzeugend entkräftet werden. Die im Kalam debattierenden Theologen wurden Mutakallimun ("die sich Beredenden") genannt. Solange die Dispute innerhalb der islamischen Gemeinschaft stattfanden, war der koranische Grundkonsens jedenfalls gegeben. Als die Araber in der Mitte des siebenten Jahrhunderts jedoch den Irak eroberten, trafen sie auf neue Ideenwelten, wie etwa die hellenistische Philosophie oder das indische Denken, und sie trafen dabei auf Menschen, die nicht auf der Grundlage des Koran diskutierten.

Auf diese Art wurde die polemische Auseinandersetzung bereits zur Zeit der zu Ende gehenden Umayyaden-Dynastie (661 – 749) bereichert. Die frühen Kalifen des nachfolgenden Herrschergeschlechts, der Abbasiden, förderten Übersetzungen aus anderen Kulturen in besonderem Maß. Al-Maamun (809 – 833), ein Unterstützer der mutazilitischen Theologie, gründete ein Haus für Gelehrte und Übersetzer, das zugleich eine Bibliothek war. Diese Einrichtung wurde als bayt al-hikma ("Haus der Weisheit") berühmt. Die Übersetzer der griechischen Texte ins Arabische waren hauptsächlich Syrisch sprechende Nestorianer, Jakobiten und Sabäer. Für die Teilnahme an den Studien im bayt al-hikma war der islamische Glaube keine Voraussetzung. Ein großes Spektrum an Schriften, insbesondere solche aus den Bereichen der Medizin, Astronomie, Mathematik und Naturwissenschaften, die auch Logik und Philosophie beinhalteten, wurde auf hohem wissenschaftlichen Niveau in einer relativ kurzen Zeitspanne übersetzt, bearbeitet und kommentiert. Die philosophischen Ideen jener Periode standen entsprechend ihrer Quelltexte in der Tradition von Platon, Aristoteles und den Werken des Neuplatonismus.

* * * Ibn Tufail: Hayy Ibn Yaqdhan. Ein muslimischer Inselroman; Wien 2007 * * *

Hayy Ibn Yaqdhan

Hayy Ibn Yaqdhan

Die Urheberschaft der Geschichte von Hayy Ibn Yaqdhan ist in der vorliegenden Form zweifellos dem Philosophen Ibn Tufail zuzurechnen. Es darf allerdings angenommen werden, dass Ibn Tufail sich an bestehenden Überlieferungen, Sagen und Geschichten bedient hat, um der Schilderung seiner Theorie einen erzählenden Rahmen zu verleihen. Er selbst verweist darauf, dass die Protagonisten Asal und Salaman ihre Namen von Ibn Sina erhalten hätten. Es gibt außerdem eine Legende aus dem Leben Alexanders des Großen, die in vielen Details der Geschichte von Hayy Ibn Yaqdhan gleicht: das Aussetzen des Kindes durch die Mutter auf dem Wasser, der günstige Wind, der das Körbchen auf eine Insel treibt, das Großziehen des Säuglings durch eine Gazelle, die ihr Junges verloren hat, etc.  Dass diese Alexanderlegende die Grundlage für Ibn Tufails Geschichte sei, behauptete M. Emilio Garcia Gómez in Un cuento árabe, fuente común de Abentofáil y de Gracian (1926).

Gauthier zog den Schluss, dass Ibn Tufail sich am Schatz verschiedener Erzähltraditionen bediente, um seiner philosophischen Auseinandersetzung einen Hintergrund zu verleihen: „… Ibn Tufail hat eine populäre Überlieferung benutzt und sie mit Meisterhand transformiert, um sie seinen spekulativen Absichten zu Diensten zu machen …“ (Gauthier, Lèon: Hayy Ben Yaqdhân, roman philosophique d´Ibn Thofaïl, texte arabe et traduction française; Beirut, 21936, S xii)

Risalat Hayy Ibn Yaqdhan fi asrar al-hikma al-maschriqiyya ("Die Geschichte von Hayy ibn Yaqdhan über die Geheimnisse der orientalischen Weisheit") findet sich unter anderem in folgenden Bibliotheken:

– Bodleian Bibliothek in Oxford, namenlose Kopie aus dem Jahr 1303 mit Anmerkungen in Hebräisch
– Khedivial-Bibliothek in Kairo, Manuskript unter einem falschen Titel irrtümlich Ibn Sab`in zugeschrieben
– ägyptische Nationalbibliothek in Kairo, Manuskript ohne Datum und ohne Namen
– Bibliothek von El Escorial, Manuskript unter einem falschen Namen ohne Datum
– Universitätsbibliothek in Leiden, Manuskript ohne Datum und ohne Namen
– Nationalbibliothek in Algier, Kopie aus dem Jahr 1766 ohne Namen 
– Museumsbibliothek des Britischen Museums in London, Kopie ohne Datum und ohne Namen
 

Die Rezeption im Abendland erfolgte über eine Fülle an Übersetzungen:

1349 schrieb Moses von Narbonne einen Kommentar für eine hebräische Fassung des Werkes, die von unbekannter Hand zu einem ebenfalls unbekannten Datum verfasst worden war.
1671 (Neuauflage 1701) wurde das arabische Werk von Edward Pococke jun. unter dem Titel „Philosophus autodidactus" ins Lateinische übersetzt (vollständiger Titel: Philosophus autodidactus, sive Epistola Abi Jaafar ebn Tophail de Hai ebn Yokdhan, in qua ostenditur, quomodo es inferiorum contemplatione ad superiorum notitiam Ratio humana ascendere possit. Ex Arabica in Linguam Latinam versa ab Eduardo Pocockio)
1674 übertrug Georges Keith den Roman als Hayy Ben Yaqdhan. Alive, Son of Awake vom Lateinischen ins Englische.
1686 übersetzte George Ashwell dieselbe Quelle ins Englische unter dem Titel  The history of Haï ebn Yokdhan.
1672 erschien eine holländische Version, der Pocockes lateinische Übersetzung zugrunde liegt. Die Übersetzung mit dem Titel Het Leeven van Hai Ebn Yokdhan stammt von einem Verfasser mit den Initialen S.D.B. Einige Theorien ordnen diese Übersetzung Spinoza zu, andere sprechen von Johan Bouwmeester.
1708 (Neuauflage 1711) publizierte Simon Ockley, ein Professor der Arabistik in Cambridge, eine englische Übersetzung auf der Grundlage des arabischen Textes. Sie trägt den Titel The improvement of human reason exhibited in the life of Hai ebn Yoqdhan.
1726 erstellte J. Georg Pritius auf Grundlage der englischen Übersetzung von Ockley die erste deutsche Fassung mit dem Titel Der von sich selbst gelehrte Weltweise; das ist eine angenehme und sinnreiche Erzählung der wunderbaren Begebenheiten des Hai Ebn Jakdhan.
1783 erschien die erste deutsche Übersetzung aus dem Arabischen von J. G. Eichhorn unter dem Titel Der Naturmensch oder Geschichte des Hai Ebn Joktan.
1875 wurde im „Verzeichnis der orientalischen Handschriften der Hof- und Staatsbibliothek München“ ein unveröffentlichtes Manuskript erfasst. Es handelt sich um eine französische Übersetzung dieses Textes durch M. Quatremère mit dem Titel Le philosophe sans maïtre, ou la vie de Hai ebn Yoqdhan écrite en arabe par Abu-Jaafar Ebn Tophail.
1900 (Neuauflage 1936) verfasste Léon Gauthier eine französische Übersetzung Hayy ben Yaqdhan: roman philosophique  d'ibn Thofaïl.
1900 (Neuauflage 1987) übersetzt Francisco Pons Boigues, ein spanischer Arabist, den Text ins Spanische El filósofo autodidacto de Abentofáil, novela psicológica traducida directamente del árabe, con prólogo de M. Menéndez Pelayo.
1905 erschien eine auszugsweise Übersetzung des Textes von Paul Brönnle auf Englisch unter dem Titel The Awakening of the Soul.
1907 wurde dieser auszugsweise Text von A. M. Heinck auf Deutsch unter dem Titel Das Erwachen der Seele übersetzt und publiziert.
1920 übersetzte J. Kuzmin den Text auf Russisch.
1934 (Neuauflagen: 1948 und 1995) übertrug Ángel González Palencia das Werk unter dem Titel El filósofo autodidacto ins Spanische.
Die nächste deutsche Ausgabe erschien 1987 unter dem Titel Der Ur-Robinson in München, bearbeitet von Otto Best.

Pico de la Mirandola, Leibniz, Locke, Spinoza, Lessing, Mendelssohn, Bloch und andere kannten Ibn Tufails Roman und bezogen sich darauf. „Die Aufklärung war in vollem Gang und das Buch mit dem Untertitel „the self-taught philosopher“ behandelte die Idee der „tabula rasa“, eines arglosen Geistes, der sich aus eigener Kraft entwickelt, womit sich John Locke beschäftigte. Locke berief ein dringendes Treffen in London ein, um „diese Neuigkeit“ zu diskutieren und drei englische Übersetzungen waren die Folge. Spinoza machte erfolgreich Druck für eine holländische Übersetzung, Leibnitz [sic] war begeistert von dem Buch, das zweifach auf Deutsch übersetzt wurde …“ (Wainwright, Martin: Desert island scripts; The Guardian, Manchester, Saturday March 22nd, 2003; siehe auch: http://books.guardian.co.uk/review/story/0,12084,918454,00.html)

Auch Daniel Defoe scheint für seinen „Robinson Crusoe“ (1719) auf Ibn Tufails Werk zurückgegriffen zu haben und nicht nur auf die Erzählung des Schicksals von Alexander Selkirk. Lessing bescheinigte dem Text „aufklärerischen Inhalt“ und empfahl ihn an Mendelssohn, der darin „die Denkart und das ganze System unserer hebräischen Weltweisen“ (1763) wiederfand. Die Übersetzung Hayy Ibn Yaqdhans von Eichhorn als der „Naturmensch“ (1783) deutet auf eine Verbindung zu Rousseaus Roman „Emile“ hin.  Bloch wiederum sah in Hayy Ibn Yaqdhan eine Mischung aus Abraham und Kant.

Die jüngere Rezeptionsgeschichte weist eine Vielfalt an Veröffentlichungen und Kommentaren auf. „[Der Roman] wurde von einem weisen alten Moslem aus Andalusien geschrieben und ist der am dritthäufigsten übersetzte Text aus dem Arabischen nach dem Koran und den Märchen von 1001 Nacht.“ (Wainwright, 2003 s.o.)

* * * Ibn Tufail: Hayy Ibn Yaqdhan. Ein muslimischer Inselroman; Wien 2007 * * *

Ollanta

Ollanta

Die Literatur der Inkas bestand aus Lyrik (Yarahui) und Schauspielen. Ihre Dichter waren Gelehrte (Amauta), die sowohl gesetzeskundig als auch Hüter der religiösen und sozialen Sitten und Gebräuche waren. Die Schauspiele beschäftigten sich inhaltlich entweder mit Siegen und Heldentaten aus der Geschichte der Inkas, oder sie waren Lustspiele, die vom Leben des Volkes handelten. Diese Dramen wurden im Rahmen von Festlichkeiten meist vor dem Inka aufgeführt; die Schauspieler waren Mitglieder der Inkafamilie.

Da es in der Quechuasprache keine Buchstabenschrift gab und das Aufzeichnungssystem aus Knoten (Kipu) sich nicht zum Festhalten von Versen und Rhythmen eignete, kann man heute auf keine andere Quelle der Quechua-Literatur zurückgreifen als auf mündliche Überlieferungen.

Eine solche Überlieferung ist die Sage von Ollanta. Sie erzählt mit von einander abweichenden Einzelheiten von einem Provinzstatthalter dieses Namens. Er kam aus dem Volk und hatte sich um den Inka verdient gemacht. Schließlich verführte er dessen Tochter und floh, als dies bekannt wurde, in seine Heimat Antisuyu. Dort wiegelte er die Bevölkerung gegen den Inka auf und erklärte die Provinz für unabhängig. Erst ein anderer Provinzstatthalter und Gefolgsmann des Inkas, Rumi-Ñahui, konnte durch eine List in die Festung Ollantas eindringen und das aufständische Antisuyu zurückerobern.

In einer heute unbekannten, ursprünglichen Version der Überlieferung werden außer den Namen Ollanta und Rumi-Ñahui keine weiteren genannt, während diese Namen sich wiederum in keiner Quelle zur inkaischen Geschichte wiederfinden. Eine genaue Datierung der Sage oder eine detaillierte Recherche zu den Umständen anhand ihres Inhaltes ist deshalb nicht möglich. Es ist nicht einmal sicher, ob es einen Mann namens Ollanta tatsächlich gegeben hat. Eine der vielen Theorien rund um das Drama besagt, dass Ollanta der Name einer Herrscherfamilie vor der Zeit der Inkas gewesen sein könnte, nach der der Ort Ollantaitambo benannt worden war. Vielfach findet sich der Name des Helden statt Ollanta auch als Ollantaï oder Ollantay geschrieben, was nach Gavino Pacheco Zegarra „der von Ollanta“ oder „der Ollantaner“ bedeuten könnte.

Die erste gedruckte Version der Sage publizierte José Manuel Palacios auf Spanisch im Jahr 1837 in Kusko in seiner Zeitschrift Museo erudito. Sie trug den Titel Tradición de la rebelión de Ollantay, y acto heróico de fidelidad de Rumi-Ñahui, ambos generales del tiempo de los Incas ("Überlieferung der Rebellion Ollantays und des heldenhaften Aktes der Treue Rumi-Ñahuis, beide Generäle zur Zeit der Inkas"). Der Text war in Prosa verfasst.

Es wird heute angenommen (vgl. u.a. Porras Barrenechea, Raúl: El Legado Quechua; Lima, 1999), dass nicht nur dieser Text von Palacios, sondern auch ein Großteil der im weiteren Verlauf der Zeit aufgetauchten Manuskripte und Papiere auf eine einzige verschriftlichte Version der Sage zurückzuführen sind, nämlich auf jene aus dem Nachlass des 1816 verstorbenen Jesuitenpaters Antonio Valdez, Pfarrer von Sicuani. Dieser dürfte den mündlich überlieferten Text als erster aufgeschrieben haben, und er hat ihn dabei vielleicht einer Veränderung unterzogen, indem er das Ende des Dramas durch einen Akt der Begnadigung und eine Hochzeit aufbesserte. Von einem tragischen Ende in der mündlich tradierten Version behauptete José Sebastian Barranca zu wissen.

Der Ursprung der Geschichte vor ihrer ersten Aufzeichnung wird im Dunkeln bleiben. Viele der mit dem Text befassten Forscher sind sich jedoch darüber einig, dass dieses Stück „an die Tradition anschließt“, dass es „als im Grunde zusammengesetzt aus Stücken von unbestrittenem altem Ursprung“ sei. Es wird auch für einen „reinerhaltenen Überrest der alten Inka-Litteratur“ gehalten und auf die Epoche „der größten Entwicklung des Inka-Reichs, aus der Regierungszeit des Inka Huaina Kapac“ datiert (Middendorf, Ernst Wilhelm: Die einheimischen Sprachen Perus, 3. Band – Ollanta, ein Drama der Keshuasprache; Leipzig, 1890, S 133f).

Spanischer Herkunft ist jedenfalls die Einteilung des Schauspiels in Akte und Auftritte, die der des klassischen spanischen Dramas entspricht. Auch die Figur des lustigen Dieners Ollantas, Piqui Chaqui, dürfte der Überlieferung hinzugefügt worden sein.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts tauchten rasch hintereinander verschiedene Übersetzungen des Textes auf, die unterschiedliche Manuskripte als ihren Ursprung nannten:

Da ist zunächst die Manuskript-Abschrift zu erwähnen, die in die Hände von Johann Jacob von Tschudi gelangte: Ein Mönch des Klosters Santo Domingo, das in Kusko an der Stelle des alten Sonnentempels steht, hat eine in der Klosterbibliothek vorhandene Handschrift für den Münchner Maler und Lateinamerika-Liebhaber Johann Moritz Rugendas abgeschrieben und nach Europa geschickt. Tschudi, der zu diesem Zeitpunkt mit der Erstellung einer Grammatik des Quechua beschäftigt war, veröffentlichte den Text in der Originalsprache im Anhang der Grammatik im Jahr 1853 unter dem Titel Ollanta oder die Strenge eines Vaters und die Grossmuth eines Königs (Tschudi, Johann Jacob von: Die Quechua-Sprache; Wien, 1853).

José Sebastian Barranca lieferte 1868 die erste spanische Version des Dramas. Er legte dieser Übersetzung den von Tschudi in seiner Quechua-Grammatik veröffentlichten Text zugrunde und nannte sie ebenso: Ollanta, o sea la severidad de un padre y la clemencia de un rey.

Ein weiteres Manuskript wurde 1871 vom Briten Clements Robert Markham übersetzt Ollanta. An ancient ynca drama. Translated from the original quichua. In dieser Publikation stellte er seine englische Übersetzung und seine Quelle in Quechua einander in Spalten gegenüber. Markham gab als Herkunft eine von ihm selbst angefertigte Kopie der Abschrift Pater Justinianis des von Pater Valdez niedergeschriebenen Textes des Ollanta-Dramas an. Auf diese Quellen und seine Forschungen zum inkaischen Ursprung des Dramas wies er im Vorwort hin, in dem er auch nicht mit Kritik an Tschudis Version sparte, die er für eine sehr nachlässig angefertigte Kopie desselben Textes hielt.
Tschudi überprüfte schließlich aufgrund dieser Behauptung Markhams Text und kam wiederum zu dem Schluss, dass der Brite sich in seiner Übersetzung mehr an Barrancas spanische Version des Dramas (also wiederum an den von Tschudi auf Quechua publizierten Text) gehalten hätte, als an den von ihm selbst als Quelle publizierten Text, welcher tatsächlich einige Abweichungen von Tschudis Vorlage enthielt.

1872 erschien in Kusko ein Buch zur Quechua-Grammatik von José Fernández Nodal, in dessen Anhang sich eine weitere Version des Ollanta-Dramas befand, die zwei Jahre später monografisch auf Quechua und Spanisch unter dem Titel Los vínculos de Ollanta y Cusi-Kcuyllor, ó el rigor de un padre y magnanimidad de un monarca. Drama en Quechua ("Die Verbindung von Ollanta und Cusi Kcuyllor, oder die Strenge eines Vaters und die Großherzigkeit eines Monarchen") erschien. An den Quechua-Sprachkenntnissen Nodals sowie an den von ihm vorgenommenen und als Verbesserungen angeführten Veränderungen des Dramas gibt es bis heute heftige Kritik.

Die erste deutsche Übersetzung fertigte Tschudi 1875 an. Er hielt sich dabei allerdings nicht mehr ausschließlich an die von ihm 1853 publizierte Quelle, sondern versuchte den Text an unklaren und unleserlichen Stellen zu verbessern, „[d]a das Ollanta-Drama das wichtigste literarische Erzeugniß ist, welches wir überhaupt von amerikanischen Indianersprachen besitzen und deshalb sowohl sachlich als auch sprachlich eine sehr bemerkenswerthe Stelle in der Geschichte des Schriftthums einnimmt“ (Tschudi, Johann Jacob von: Ollanta, ein altperuanisches Drama aus der Quechua-Sprache ; Wien, 1875). Er orientierte sich bei dieser Übersetzung an seiner eigenen Vorlage, an der von Markham abgeschriebenen Kopie, an einem sogenannten „bolivianischen Manuskript“ (d. i. eine weitere, aber unvollständige, in Arequipa von Tschudi erworbene Ausgabe des Dramas) und der Version von Nodal. Er stellte dabei nun ebenfalls den Text in Quechua der deutschen Version in Spalten gegenüber und erläuterte mit zahlreichen Fußnoten seine Übersetzung.
Auf Tschudis Wunsch bearbeite Albrecht Graf Wickenburg 1876 diese Übersetzung metrisch, um „demselben die poetische Farbe des Originals wenigstens annähernd wiederzugeben“ (Wickenburg, Albrecht Graf: Ollanta. Peruanisches Original-Drama aus der Inca-Zeit; Wien, 1876).

Ebenfalls 1876 erschien auch in Lima das Drama in Versen. Diese weitere spanische Übersetzung und seine Bearbeitung erfolgte durch den peruanischen Dichter Constantino Carrasco. Seinen Text widmet er Barranca als erstem Übersetzer des Stückes. Durch seine poetische Bearbeitung fand das Schauspiel Eingang in den literarischen Club von Lima, woran sich Debatten um die Frage nach der indigenen Kultur entzündeten.

1878 schließlich veröffentlichte der peruanische Linguist Gavino Pacheco Zegarra eine französische Übersetzung des Stückes, ebenfalls indem er die Texte in Original- und Übersetzungssprache einander gegenüberstellte. Den Quechua-Text ließ er in den Buchstaben des von ihm entwickelten Quechua-Alphabets drucken. Die Grundlage seiner Übersetzung bildete ein Manuskript, das er von seinem Großonkel Pedro Zegarra, einem bekannten Quechuisten, geerbt hatte. Er zog jedoch, eigenen Aussagen zufolge, bei der Übersetzung immer wieder den Text Tschudis von 1853 heran, den er für den älteren und korrekteren hielt. Die Bearbeitung des Quechua-Textes von Tschudi aus dem Jahr 1875 kritisierte er dabei heftig.

1890-92 verlegte Brockhaus das mehrbändige Werk „Die einheimischen Sprachen Perus“ verfasst vom deutschen Arzt Ernst Wilhelm Middendorf. Im dritten Band widmete er sich dem Ollanta-Drama, seinen kulturellen Hintergründen, der Geschichte des Textes, den verschiedenen Manuskripten und anderen Quellen sowie den Fehlern, der Sprache, dem Alter und einer neuen Übersetzung. Als die beiden wichtigsten und authetischsten Quellen betrachtete auch er die Quechua-Abschriften von Tschudi aus dem Jahr 1853 und von Markham aus dem Jahr 1871. Diese Texte stellte er nebeneinander, kommentierte ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten und deckte auf diese Weise Schreibfehler auf.

In der weiteren Folge wurden vor allem im lateinamerikanischen Raum immer wieder neue Übersetzungen und Bearbeitungen des Dramas vorgelegt. 1937/38 ließ Hipólito Galante in den Ausgaben 1 und 2 der Zeitschrift Sphinx eine Faksimileausgabe des Justiniani-Manuskriptes drucken und übersetzte den Text ins Lateinische.

Weitere Quellen oder Manuskripte sind seither nicht mehr aufgetaucht.

Im deutschsprachigen Raum wurde 1983 im Anhang einer Arbeit zum Thema Theater im Klassenkampf Lateinamerikas die Übersetzung Middendorfs des Ollanta-Dramas abgedruckt (Blanco, Ricardo: Von Apu Ollantay bis Brecht; Berlin, 1983).

Der Publikation aus unserer Edition diente die metrische Bearbeitung der Übersetzung Tschudis durch Wickenburg als Grundlage. Seine Überarbeitung und weitläufige Neugestaltung geht auf den Vergleich mit den gedruckten Abschriften der Originalversionen und ihrer Übersetzungen unter Berücksichtigung der Kommentare von Markham, Pacheco Zegarra, Middendorf und Rojas sowie auf wissenschaftliche Publikationen zum Thema zurück. Die Einteilung in Akte und Auftritte wurde sinngemäß angepasst.

 

Quechua

Quechua

Die Sprache, die im Reich der Inkas gesprochen wurde und die sich bis heute als eine der Sprachen der indigenen Andenbevölkerung erhalten hat, heißt Quechua. Mit diesem Wort wurde in vorspanischer Zeit ein indigenes Volk der mittleren Andenhochtäler bezeichnet. Quechua wird heute von ca. 10 Millionen Menschen in verschiedenen Dialekten als Muttersprache gesprochen.

Die Inkas, die der Sage nach aus der Gegend um den Titikakasee kamen, sprachen Inca-Simi (Simi = Wort). Diese Sprache wurde im Verlauf der Geschichte des Inkareiches nur innerhalb der Herrscherfamilie gesprochen und ist aufgrund seiner mangelnden Verbreitung bald nach der Eroberung des Landes durch die Spanier völlig verschwunden.

Die Sprache des Volkes, in dessen Gegend die Inkas eingewandert sind, war Runa-Simi (Runa = Mensch). Die Inkas bedienten sich dieser vorgefunden Sprache in der allgemeinen Kommunikation, verfeinerten ihren Gebrauch und sorgten durch Lehrer dafür, dass sie in allen neu einverleibten Gebieten erlernt wurde. Runa-Simi, das heute als Quechua bezeichnet wird, war Staatssprache im Inkareich.

Die Quechuas kannten keine Schrift, wenn man von ihrem Aufzeichnungssystem durch Knoten absieht (Kipu). Als die Spanier das Reich eroberten, begannen diese, die indigene Sprache auf der Grundlage des lateinischen Alphabets nach spanischer Phonetik aufzuzeichnen. Für eine adäquate Wiedergabe der vielen Feinheiten des Quechus war dies allerdings nicht ausreichend.
„… Kechua ist wie die meisten amerikanischen Sprachen eine vorherrschend gutturale und besitzt mehrere für die Nichtindianer fast unnachahmbare Laute. Besonders gilt diess für eine Reihe von Consonanten … Eine auffallende Schärfe und Härte in der Aussprache wird durch die Abwesenheit mehrerer Consonanten und durch die starke Aspiration oder schnalzende Verschärfung anderer bedingt.“ (Tschudi, Johann Jacob von: Die Quechua-Sprache; Wien, 1853, S 32)

Ernst Wilhelm Middendorf beschreibt die Laute des Quechua als „gewisse Modifikationen der Aussprache … und zwar in allen Konsonantenklassen nach demselben Prinzip … eine einfache, welche mit der deutschen (und spanischen) übereinstimmt, ferner eine gehauchte oder aspirierte, und endlich eine starke, eigentümlich gepreßte, welche am passendsten als explosive bezeichnet wird“ (Middendorf, Ernst Wilhelm: Die einheimischen Sprachen Perus, 3. Band – Ollanta, ein Drama der Keshuasprache; Leipzig, 1890, S 150ff). Er versuchte, das Problem der Aufzeichnung zu lösen, indem er den unterschiedlich hervorgebrachten Mitlauten Akzente in verschiede Richtungen voran- oder hintanstellte und zeigte anhand einiger Vokabel die Wichtigkeit dieser Unterscheidung:

‛kapaj – reich, mächtig
k’apaj – wohlriechend, schmackhaft
 
chaqui – Fuß
ch’aqui – trocken
 
tanta – Versammlung von Leuten
‛tanta – zerlumpt, zerrissen
t’anta – Brot

Gavino Pacheco Zegarra, ein peruansicher Linguist, entwickelte aus diesem Grund ein eigenes Alphabet für die Phonetik der Quechua-Sprache, indem er zur besseren Darstellung und Unterscheidung der verschieden intonierten Konsonanten einige neue Buchstaben entwarf. Dieses Alphabet stellte er 1875 beim Amerikanistik-Kongress in Nancy (F) vor; es setzte sich jedoch nicht durch.

Seit den ersten Aufzeichnungen in Quechua gab es viele solcher Versuche zur Herstellung einer phonetisch annähernd zutreffenden Schreibweise; doch erst ab den 1970er Jahren wurden in Peru und in Bolivien offizielle Standards entwickelt, die einander inzwischen weitestgehend angeglichen sind. In den überlieferten Texten und insbesondere in den frühen Handschriften finden sich aus den erwähnten Gründen auch heute noch viele verschiedene, oft sehr willkürlich erscheinende Schreibweisen für ein und dieselben Wörter der Quechua-Sprache.

Quechua ist eine agglutinierende Sprache. Das bedeutet, dass näher bestimmende sprachliche Elemente nicht in Form von Nebensätzen oder mit ergänzenden Worten ausgedrückt werden, sondern dass sie als Silben (Suffixe) an das unverändert bleibende, die Aussage tragende Wort angehängt werden. Dabei können etwa ganze Nebensatzkonstruktionen mitsamt ihren Konjunktionen als Silben an das Verb gehängt werden.
Auch die Deklination von Hauptwörtern, ihre Verneinung, die Pluralbildung, ihre Beziehung zu anderen Teilen der Aussage und vieles andere werden als Silbe am Wortende deutlich.

z.B.:  „-cha“ bedeutet, dass etwas nur wahrscheinlich oder noch unsicher ist
         „-icu“ zeigt an, dass eine Handlung mit Liebe und Aufmerksamkeit ausgeführt wird
         „-chus“ charakterisiert die indirekte Frage

Das Aneinanderhängen der Silben erfolgt in einer festgelegten Reihenfolge.

Diese Leseprobe, der Racheschwur Ollantas (Verse 529-564), ist der ersten abgedruckten Aufzeichnung des Schauspiels entnommen (Tschudi, Johann Jacob von: Die Quechua-Sprache; Wien, 1853, S 82):

Ah Ollanta? Ah Ollanta?
Chainatachu hurccusunqui
Llipi llactac cañiquiman?
Chaichica yanascaiquiman?
Ay! Cusi Ccoillur huarmillay
Cunanmi chincarichiqui
Ñan ñocca pisipachiqui
Ay Ñusta! ay urpillai!
Ay Ccozcco! ay sumac Llacta?
Cunamanta ccayamancca
Auccan casac, casac Auca
Chai ccasccoiquita ccaracta
Lliquirccospa sonccoiquita
Cunturcunaman conaipacc
Chai Aucca, chai Yncaiquita:
Huñu huñu huaranccata
Anticunata llullaspa
Suyuicunata tocllaspa
Pusamusacc pullccanccata,
Sacsa huamanpin ricunqui
Rimaita phuyuta hin,
Chaipin sayarincca nina
Yahuarpin chaipi puñunqui
Chayqueipin cancca Yncaiqui,
Chaipacham paipas ricuncca
Pisinchus ñoccaapac Yunca
Puchunccachus chai cuncaiqui:
Manapunim ccoiquimanchu
Ñihuaracc chai ususinta?
Pascarinracc chai siminta?
Manan ccampacca canmanchu
Ñispa, uticui phinascca
Cconccor sayaspa mañactei?
Yncan paipas ñocca cactei
Tucuimi chaicca yachasca.
Cunancca caillaña cachun …

 

 * * * Dietrich-Ortega, L. & Frysak, V. (Hg.): Ollanta. Ein Inka-Schauspiel, Wien 2007 * * *

Inti

Inti

Der Sonnengott Inti ist der Stammvater der Inkas. Die göttliche Verehrung der Sonne hat ihren Ursprung wahrscheinlich in den wärmenden Strahlen, die in den kalten Bergregionen Tahuantinsuyus nicht nur eine besondere Wohltat, sondern eine Überlebensnotwendigkeit waren. Intis Frau und stetige Begleiterin ist Mama Quilla, die Mondgöttin.

Gegenstand der Verehrung waren außerdem Chasca, der Morgen- und Abendstern, Kuichi, der Regenbogen oder Illapa, Blitz und Donner bzw. das Gewitter oder der Regen. Auch viele andere Naturerscheinungen, wie etwa Felsen mit menschlichen Formen, wurden für heilig gehalten.Der Sonne wurden an Festtagen Brandopfer dargebracht: Tiere (Lamas, Kaninchen, Vögel), leblose Dinge (Fett, Körner, Früchte, Kräuter, Aka – ein gegorenes Getränk aus Mais) und fallweise auch menschliches Blut (zu dessen Gewinnung niemand sterben musste). Menschenopfer hat es im Sonnendienst nicht gegeben.

Auch die Arbeit in der Landwirtschaft geschah im Einklang mit dem Sonnenkult. Die Zeit wurde in Mondphasen gemessen, das Jahr war in 12 Monde geteilt. Die Jahreszeiten wurden durch die Sonne bestimmt und zu ihrem Wechsel fanden Feste statt. Es gab das Saatfest (Cusqui-Raimi) und das Fest der Reinigung (Situa-Raimi). Das größte Fest wurde jedoch zur Wintersonnenwende (21. Juni) gefeiert.

Dieser Tag wurde von den Inkas als Tag der „festgebundenen Sonne“ (Inti huatana) bezeichnet. Zur Errechnung des Datums gab es Sonnenwarten, die ebenso genannt wurden. Sie bestanden aus jeweils einer ebenen Platte mit einer kurzen konischen Säule in der Mitte. Durch die Beobachtung der Wanderbewegung des Schattens dieser Säule auf der Platte konnte die Mittagslinie errechnet und der Zeitpunkt des Stillstandes der Sonne abgelesen werden.

Inti-Raimi, das Sonnwendfest wurde an den neun (andere Quellen sprechen von drei) der Wintersonnenwende folgenden Tagen gefeiert. Zu diesem Fest kamen Abgesandte aus allen Provinzen in die Hauptstadt. Drei Tage vor dem Fest wurde streng gefastet. Am Morgen des Inti-Raimi versammelten sich die erwachsenen Männer der Inkafamilie noch vor Sonnenaufgang hockend auf dem Hauptplatz von Kusko. Der Inka war der erste, der sich erhob, sobald die ersten Sonnenstrahlen der neuen Sonne zu sehen waren, um ihr Aka (ein gegorenes Getränk aus Mais) zu opfern. Dann fand im Tempel eine Zeremonie zu Ehren Intis statt und in der Folge wurden Opfer gebracht. Das erste Opfertier war stets ein schwarzes Lama-Lamm. Die Opferteile der Tiere wurden mit einem neuen Feuer verbrannt, das zuvor aus der Bündelung der Strahlen der neuen Sonne gewonnen worden war. Dieses Feuer wurde als unmittelbare Gabe der Sonne verehrt und ein ganzes Jahr im Haus der Sonnenjungfrauen gehütet. Nach der Opferung wurde das Fleisch der Opfertiere verzehrt und das Fest ging schließlich in ein Trinkgelage mit Tänzen, Gesängen und Festspielen über.

Die Vorbereitung der religiösen Zeremonie erfolgte durch die Ajllas, die Jungfrauen der Sonne. Sie lebten im Ajllahuasi (Haus der Sonnenjungfrauen) in Kusko, dessen Räumlichkeiten, wie alle anderen Inti geweihten Stätten, prunkvoll mit Gold ausgestattet waren.  
Im Alter von zirka acht Jahren wurden die schönsten Mädchen aus der Familie des Inkas ausgesucht, um als Gattinnen Intis in strengster Abgeschiedenheit im Haus der Sonnenjungfrauen zu leben. Die Ajllas wurden deshalb auch die „Erwählten Jungfrauen“ genannt.

 * * * Dietrich-Ortega, L. & Frysak, V. (Hg.): Ollanta. Ein Inka-Schauspiel, Wien 2007 * * *

Kipu

Kipu

Das Kipusystem wird oft als Knotenschrift bezeichnet, wenngleich es sich eher nur als mnemotechnisches Instrument zur Aufzeichnung von statistischen Berichten und Zahlen eignete.

Kipu bedeutet „Knoten“. Ein Kipu bestand aus einer Wollschnur (llanta), an der andere Schnüre wie Fransen befestigt waren. Diese Schnüre hatten verschiedene, auch innerhalb einer Schnur mehrere Farben und waren einzeln oder in Gruppen verknotet. Jede Farbe der Schnüre, die Zusammensetzung der Farben, die Anzahl der Schnüre, die Verbindungen derselben durch Knoten sowie die Anzahl der Knoten und die Zahl der Schlingen innerhalb eines Knotens hatten bestimmte Bedeutungen.

Im Inka-Reich wurden eigene Beamte in der Knotenschrift ausgebildet. Die Aufgabe dieser Kipu-Camayocs war es, Kipus zu verfassen und zu entziffern.

 * * * Dietrich-Ortega, L. & Frysak, V. (Hg.): Ollanta. Ein Inka-Schauspiel, Wien 2007 * * *

Inka

Inka

Inka bedeutet soviel wie “Herr” oder „Gebieter“ und bezeichnet zunächst den Herrscher von Tahuantinsuyu, den Sohn der Sonne. Dem Namen vorangestellte bedeutet der Begriff „Monarch“ oder „Souverän“.  Wenn er als Anrede verwendet wurde, wurde ihm meist noch ein Attribut hinzugefügt: z.B. Sapa (alleiniger) Inca oder Kapac (mächtiger) Inca.

Inka ist im Weiteren die Bezeichnung für alle männlichen erwachsenen Mitglieder der Familie des Inkas, mit der eine besondere Würde verbunden war. Der Inka war ein Nachkomme des Sonnengottes. Die verwandtschaftliche Zugehörigkeit durch beide Eltern war das alleinig Ausschlag gebende Kriterium. Die Inkas genossen besondere Privilegien in ihrem Staat und hatten die höchsten Ämter in der Verwaltung und in den religiösen Diensten inne.

Zum Inka konnte man auch ernannt werden, wenn man sich um den Inka verdient gemacht hatte. Das war eine besondere Ehre und ein solch ernannter Inka war mit speziellen Rechten ausgestattet. Dieselben Privilegien wie ein Inka von Geburt konnte er aber nicht in Anspruch nehmen und seine Inkawürde dehnte sich auch nicht auf die Familie aus.
Schließlich ist es in der heutigen Umgangssprache so, dass mit „den Inkas“ immer das ganze Volk von Tahuantinsuyu gemeint ist, das sich aus vielen verschiedenen Indianervölkern und -stämmen zusammensetzte. Richtiger könnte man vielleicht von den Kechuas reden, da die Kechua-Sprache das Verbindende der so unterschiedlichen Indianervölker war, die im Reich der Inkas lebten.

Der Inka war Herrscher und höchste Autorität im Staat. Die Regierungsarbeit wurde von einer Versammlung von Vertretern der vier Regionen geleistet. Die Mitglieder der Versammlung hatten ihrerseits wiederum Vertreter, die die Einhaltung der Gesetze überwachten. Diese reisten durch die Dörfer mit dem Ziel, alle Aktivitäten zu überprüfen und zu kontrollieren, ob die Gesetze eingehalten wurden oder ob eine Notwendigkeit für Instandhaltungsarbeiten oder den Neubau von Infrastruktur bestand. Die Aufgabe der Vertreter war es auch, in Notsituationen Hilfsgüter zu verteilen und so das Wohlergehen der Bevölkerung zu sichern. Der Inka war über alle Vorgehen in seinem Reich informiert.

Starb der Inka, so hatte ihn die Sonne nach Hause gerufen. Ihm folgten viele seiner Frauen und seiner Diener in den Tod nach. Diese Art der Menschenopfer scheint freiwillig erfolgt zu sein. Die Trauer im Volk währte ein Jahr und wurde mit Prozessionen, Trauergesängen und Klageliedern gefeiert. Das Zimmer des Inka sowohl in seinem Palast in Kusko als auch in allen Palästen seines Reiches, in denen er jemals eine Nacht verbracht hatte, wurde mit sämtlichen Gerätschaften und Gebrauchsgegenständen für immer versperrt. Die Eingeweide wurden aus dem Körper genommen und nach Ollantaitambo gebracht. Diese Befestigung war zirka 12 Leguas (1 Legua entspricht ca. 5,5 km) von Kusko entfernt und aufgrund ihrer natürlichen Lage nahezu uneinnehmbar. Innerhalb dieser Befestigung gab es einen Palast und einen Sonnentempel, in dem die Eingeweide der verstorbenen Inkas aufbewahrt wurden. Der Leichnam des Inkas wurde mittels eines Verfahrens einbalsamiert, wodurch Körperfülle und Gesichtszüge so erhalten werden konnten, dass der Inka lebendig schien. Die Mumien wurden in sitzender Stellung, die Hände auf der Brust gekreuzt mit niedergeschlagenen Augen auf einem niedrigen goldenen Sessel im Sonnentempel in Kusko zu beiden Seiten des Bildes der Sonne platziert. Die Koyas wurden auf die gleiche Weise im Sonnentempel, allerdings im ganz in Silber gehaltenen Zimmer des Mondes, Quilla, bestattet. Dem Bildnis des Mondes vis-a-vis saß die Mutter Huaina Kapacs.

Coya ist der Titel der Gattin des Inkas sowie ihrer verheirateten Töchter. Ñusta ist der Titel der unverheirateten Inkatöchter und seiner anderen weiblichen Verwandten. Tahuantinsuyu wurde von 13 Inkas regiert, die jeweils mit ihrer ältesten Schwester oder einer anderen engen Verwandten verheiratet waren:

ca. 1200 Manco Capac und Mama Ocllo
ab 1230 Sinchi Roca und Mama Coca
ab 1260 Lloque Yupanqui und Mama Caua
  Mayta Capac und Mama Tucucaray
  Capac Yupanqui und Curihipsy
ca. 1350 Inca Roca und Mama Micay
Die Chanca-Kriege sind ein blutiges Kapitel in der Geschichte des Inkareiches. Die Chancas waren ein Volk, das in der Gegend der heutigen Provinz Andahuailas lebte. Unter Inka Roca wurden die Chancas unterworfen, unternahmen danach aber immer wieder Aufstände gegen ihre Beherrscher. Erst Inka Huiracocha gelang der endgültige Sieg über die Chancas in der Schlacht von Yahuarpampa. In diesem Krieg entthronte er seinen Vater, der aus Kusko geflohen war.
ca. 1380 Yahuar Huacac und Mama Chicya
ab 1410 Huiracocha Inca und Mama Rondocaya
Zu dieser Zeit hatte das Reich seine größte Ausdehnung und war auf seinem wirtschaftlichen und kulturellen Höhepunkt. Seine Hauptstadt Kusko war vollends ausgebaut und eine prosperierende Stadt.
ab 1438 Pachacutec und Mama Anahuarka
ab 1471 Tupac Yupanqui und Mama Ocllo II
ab 1493 Huayna Capac und Arauna Ocllo
ab 1529 Huáscar und Chucuy Huypa
mit Atahualpa
Huáscar und Atahualpa waren Halbbrüder und Söhne des Inka Huayna Capac. Huáscar war ein eheliches Kind, Atahualpas Mutter war nicht von Inkablut. Letzterem hätte aus diesem Grund die Inkawürde nicht zukommen können, sein Vater verfügte aber ihm zuliebe die Teilung des Reiches und setzte sowohl Huáscar (in Kusko für den nördlichen Teil des Reiches) als auch Atahualpa (in Cajamarca für den südlichen Teil) als Inkas ein. Nach dem Tod des Vaters entbrannte ein Streit zwischen den Brüdern, der zu einem Bürgerkrieg führte, in dem Atahualpa seinen Bruder besiegte und hinrichten ließ. Atahualpa wurde so im Jahr 1532 der letzte Inka eines stark geschwächten Reiches, in das im selben Jahr die spanischen Eroberer eindrangen. Atahualpa wurde von den Spaniern gefangen genommen und versuchte seine Freiheit mit einem „Zimmer voller Gold“ zu erkaufen. Er übergab einen großen Teil der inkaischen Goldschätze aus den Tempeln und Palästen an die Eroberer und wurde 1533 dennoch hingerichtet.

 

 * * * Dietrich-Ortega, L. & Frysak, V. (Hg.): Ollanta. Ein Inka-Schauspiel, Wien 2007 * * *

Tahuantinsuyu

Tahuantinsuyu

Das Reich der Inkas hieß Tahuantinsuyu, was „die vier vereinigten Gebiete“ bedeutet. Es erstreckte sich in seiner größten Ausdehnung unter Inka Pachacutec von Loja in Ecuador bis zum Maule Fluss in Chile. 

Es war, wie sein Name sagt, in vier Provinzen unterteilt, denen je ein Vertreter des Inkas und ein Verwaltungsrat vorstanden:
Die Hauptstadt Kusko gehörte keinem dieser Bezirke an. Sie unterstand dem Inka persönlich. Aufgrund seiner Lage in der Mitte des Reiches, hatte es seinen Namen kosko, der in der Sprache der Inkas (inka-simi) angeblich „Nabel“ bedeutete.
Das hoch gelegene Gebiet südlich Kuskos (um den Titicacasee) hieß Collasuyu oder Hanansuyu (hanan = oben, hoch).
Die Provinz nordwestlich Kuskos war das größte Verwaltungsgebiet und hieß Chinchasuyu.
Die Gegend westlich der Hauptstadt bis zur Pazifikküste hieß Cuntisuyu.
Das Gebiet im Osten der Hauptstadt war das am wenigsten bevölkerte. Es umfasste jene Täler des Andengebirges, die zum Tiefland abfielen, und wurde nach dem Gebirgszug benannt: Antisuyu.

Über die Gründung von Tahuantinsuyu gibt es mehrere Legenden: Eine davon besagt, dass Manco Capac und seine Frau und Schwester Mama Ocllo von ihrer beider Vater, dem Sonnengott Inti, auf die Erde geschickt worden waren, um ein Reich zu gründen, in dem sie die Männer die Kunst des Ackerbaus und die Frauen die Kunst der Textilienherstellung lehren sollten. Eine weitere Legende erzählt von den vier Ayar-Brüdern, die gemeinsam mit ihren Frauen ihre Heimat verließen und durch Eroberungszüge gegen andere Kulturen (Nazca, Mochica, Chavin, etc.) ihr eigenes Land vergrößerten.

Tahuantinsuyu bestand zirka 330 Jahre und wurde von 13 Inkas regiert, die jeweils mit ihrer ältesten Schwester oder einer anderen engen Verwandten verheiratet waren. Tahuantinsuyu lag eine theokratische Staatsform zugrunde. Der Inka war ein Nachkomme des Sonnengottes. Sein Nachfolger war der jeweils älteste Sohn aus der ehelichen familiären Verbindung.

 * * * Dietrich-Ortega, L. & Frysak, V. (Hg.): Ollanta. Ein Inka-Schauspiel, Wien 2007 * * *