Hätäta

Hätäta

Der Äthiopien-Forscher Antoine d’ Abbadie (1810 – 1897) trug während eines 12-jährigen Aufenthaltes in Äthiopien ein Konvolut an Manuskripten zusammen und fasste diese 1859 in einem Erläuterten Katalog äthiopischer Manuskripte zusammen, der heute in der französischen Nationalbibliothek aufbewahrt wird. Unter Nummer 215 finden sich zwei Texte mit dem Titel Hatata Zar’a Ya’iqob (hätäta = Untersuchung) und Hatata Walda hiywat. Unter Nummer 234 ist ein weiteres Dokument erfasst, das ebenfalls den Titel Hatata Zar’a Ya’iqob trägt und zu dem ausgeführt ist, dass es vom italienischen Missionar Pater Giusto d’Urbino abgeschrieben worden war, der darin „die Darstellung einer atheistischen Schlussfolgerung“ sah und „befürchtend, dass dieses seltene Buch verloren gehen würde“, eine Abschrift an d’Abbadie geschickt hatte.  

Zur Untersuchung Zär’a Yaqobs unter Nummer 215 führt d’Abbadie aus:
„Dieser in Aksum geborene Professor legt hier seine Zweifel an allen Religionen dar und bekennt sich zu einem reinen Deismus. In Äthiopien ist die Autobiografie eines belesenen Menschen schon eine große Seltenheit, diese hier ist noch bedeutender aufgrund ihrer großen Unbefangenheit, der Details der Sitten, die sie enthält, und aufgrund der zeitgenössischen Geschichtskenntnis, die man anderswo vergeblich sucht. Der Autor spricht von der Vertreibung der Portugiesen und er brandmarkt Fasiladas [Fasilidäs] strenger als es die jesuitischen Opfer dieses Königs jemals getan haben. Dieses Werk von fesselndem Stil ist in gi’iz [Ge’ez] geschrieben und man findet darin das Wort tyef statt dem amharischen tef [Teff], eine Art Rispengras, das der Überlieferung folgend erst ab dem Beginn des 16. Jahrhunderts ein gebräuchliches Getreide geworden ist.“

Zum Text von Waldä Heywat ist zu erfahren:
„Der vollständige Titel lautet: Buch der Weisheit, der Forschung, der Philosophie und der Beweisführung, verfasst von einem großen Gelehrten unseres Landes, der Walda hiywat genannt wird. Dieses Buch beinhaltet vom Verstand diktierte Ratschläge gegen die am meisten verbreiteten Missstände in Äthiopien: Also tadelt der Autor jene, die ihr Heil in einem abgeschiedenen Leben suchen, weil Gott will, dass die Menschen für einander da sind; der Hände Arbeit ist ehrenwert, weil man ohne sie nicht überleben könnte; etc. Die Ermahnungen des W. hiywat können seine Herkunft nicht verleugnen, wenn er sagt, dass ein Bett im Hochland zwei Ellen über dem Boden und in Tallagen drei oder vier oder noch mehr Ellen hoch sein muss; dass ein Haus groß und hell sein muss; etc. Einige Meinungen aus diesem Buch sind von den Professoren aus Gondar lebhaft und mit Recht missbilligt worden, weil der Autor, indem er die Nachteile eines allzu kontemplativen Lebens aufzeigen will, sich offensichtlich in eine entgegengesetzte Übertreibung stürzt. Der Autor ist oft unter dem Namen mannañ Gabra hiyot zitiert.“

Alle von d’Abbadie archivierten Texte sind Abschriften. Die Originale, die d’Urbino besessen haben dürfte, sind verschwunden. Ihr Fehlen sowie der religionskritische Inhalt der Texte geben bis heute Anlass zu verschiedenen Spekulationen über ihre Authentizität. Lange wurde d’Urbino beschuldigt, seine eigene Meinung auf diese Weise verbreitet zu haben. Claude Sumner, kanadischer Philosoph und Wahläthiopier, schloss dies jedoch in seiner sehr detaillierten Untersuchung der Texte und ihrer Urheberschaft aus (vgl. Sumner, Claude: „The Treatise of Zär’a Ya’eqob and of Wäldä Heywat. Text and Authorship” in: Ethiopian Philosophy, Volume II, Addis Ababa, 1976).

1904 übersetzte Enno Littmann, ein deutscher Orientalist, beide Untersuchungen ins Lateinische. 1916 verfasste er die erste deutsche Übersetzung des Textes von Zär’a Yaqob.

Claude Sumner legte 1976/78 eine englische Übersetzung beider Texte sowie einen umfangreichen Kommentar dazu vor. Seine Arbeit ist die Grundlage unserer Publikation.

* * * Frysak, V. & Gutema, B. (Hg.): Zär'a Yaqob. Eine äthiopische Weltanschauung, Wien 2008 * * *

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