Hayy Ibn Yaqdhan

Hayy Ibn Yaqdhan

Die Urheberschaft der Geschichte von Hayy Ibn Yaqdhan ist in der vorliegenden Form zweifellos dem Philosophen Ibn Tufail zuzurechnen. Es darf allerdings angenommen werden, dass Ibn Tufail sich an bestehenden Überlieferungen, Sagen und Geschichten bedient hat, um der Schilderung seiner Theorie einen erzählenden Rahmen zu verleihen. Er selbst verweist darauf, dass die Protagonisten Asal und Salaman ihre Namen von Ibn Sina erhalten hätten. Es gibt außerdem eine Legende aus dem Leben Alexanders des Großen, die in vielen Details der Geschichte von Hayy Ibn Yaqdhan gleicht: das Aussetzen des Kindes durch die Mutter auf dem Wasser, der günstige Wind, der das Körbchen auf eine Insel treibt, das Großziehen des Säuglings durch eine Gazelle, die ihr Junges verloren hat, etc.  Dass diese Alexanderlegende die Grundlage für Ibn Tufails Geschichte sei, behauptete M. Emilio Garcia Gómez in Un cuento árabe, fuente común de Abentofáil y de Gracian (1926).

Gauthier zog den Schluss, dass Ibn Tufail sich am Schatz verschiedener Erzähltraditionen bediente, um seiner philosophischen Auseinandersetzung einen Hintergrund zu verleihen: „… Ibn Tufail hat eine populäre Überlieferung benutzt und sie mit Meisterhand transformiert, um sie seinen spekulativen Absichten zu Diensten zu machen …“ (Gauthier, Lèon: Hayy Ben Yaqdhân, roman philosophique d´Ibn Thofaïl, texte arabe et traduction française; Beirut, 21936, S xii)

Risalat Hayy Ibn Yaqdhan fi asrar al-hikma al-maschriqiyya ("Die Geschichte von Hayy ibn Yaqdhan über die Geheimnisse der orientalischen Weisheit") findet sich unter anderem in folgenden Bibliotheken:

– Bodleian Bibliothek in Oxford, namenlose Kopie aus dem Jahr 1303 mit Anmerkungen in Hebräisch
– Khedivial-Bibliothek in Kairo, Manuskript unter einem falschen Titel irrtümlich Ibn Sab`in zugeschrieben
– ägyptische Nationalbibliothek in Kairo, Manuskript ohne Datum und ohne Namen
– Bibliothek von El Escorial, Manuskript unter einem falschen Namen ohne Datum
– Universitätsbibliothek in Leiden, Manuskript ohne Datum und ohne Namen
– Nationalbibliothek in Algier, Kopie aus dem Jahr 1766 ohne Namen 
– Museumsbibliothek des Britischen Museums in London, Kopie ohne Datum und ohne Namen
 

Die Rezeption im Abendland erfolgte über eine Fülle an Übersetzungen:

1349 schrieb Moses von Narbonne einen Kommentar für eine hebräische Fassung des Werkes, die von unbekannter Hand zu einem ebenfalls unbekannten Datum verfasst worden war.
1671 (Neuauflage 1701) wurde das arabische Werk von Edward Pococke jun. unter dem Titel „Philosophus autodidactus" ins Lateinische übersetzt (vollständiger Titel: Philosophus autodidactus, sive Epistola Abi Jaafar ebn Tophail de Hai ebn Yokdhan, in qua ostenditur, quomodo es inferiorum contemplatione ad superiorum notitiam Ratio humana ascendere possit. Ex Arabica in Linguam Latinam versa ab Eduardo Pocockio)
1674 übertrug Georges Keith den Roman als Hayy Ben Yaqdhan. Alive, Son of Awake vom Lateinischen ins Englische.
1686 übersetzte George Ashwell dieselbe Quelle ins Englische unter dem Titel  The history of Haï ebn Yokdhan.
1672 erschien eine holländische Version, der Pocockes lateinische Übersetzung zugrunde liegt. Die Übersetzung mit dem Titel Het Leeven van Hai Ebn Yokdhan stammt von einem Verfasser mit den Initialen S.D.B. Einige Theorien ordnen diese Übersetzung Spinoza zu, andere sprechen von Johan Bouwmeester.
1708 (Neuauflage 1711) publizierte Simon Ockley, ein Professor der Arabistik in Cambridge, eine englische Übersetzung auf der Grundlage des arabischen Textes. Sie trägt den Titel The improvement of human reason exhibited in the life of Hai ebn Yoqdhan.
1726 erstellte J. Georg Pritius auf Grundlage der englischen Übersetzung von Ockley die erste deutsche Fassung mit dem Titel Der von sich selbst gelehrte Weltweise; das ist eine angenehme und sinnreiche Erzählung der wunderbaren Begebenheiten des Hai Ebn Jakdhan.
1783 erschien die erste deutsche Übersetzung aus dem Arabischen von J. G. Eichhorn unter dem Titel Der Naturmensch oder Geschichte des Hai Ebn Joktan.
1875 wurde im „Verzeichnis der orientalischen Handschriften der Hof- und Staatsbibliothek München“ ein unveröffentlichtes Manuskript erfasst. Es handelt sich um eine französische Übersetzung dieses Textes durch M. Quatremère mit dem Titel Le philosophe sans maïtre, ou la vie de Hai ebn Yoqdhan écrite en arabe par Abu-Jaafar Ebn Tophail.
1900 (Neuauflage 1936) verfasste Léon Gauthier eine französische Übersetzung Hayy ben Yaqdhan: roman philosophique  d'ibn Thofaïl.
1900 (Neuauflage 1987) übersetzt Francisco Pons Boigues, ein spanischer Arabist, den Text ins Spanische El filósofo autodidacto de Abentofáil, novela psicológica traducida directamente del árabe, con prólogo de M. Menéndez Pelayo.
1905 erschien eine auszugsweise Übersetzung des Textes von Paul Brönnle auf Englisch unter dem Titel The Awakening of the Soul.
1907 wurde dieser auszugsweise Text von A. M. Heinck auf Deutsch unter dem Titel Das Erwachen der Seele übersetzt und publiziert.
1920 übersetzte J. Kuzmin den Text auf Russisch.
1934 (Neuauflagen: 1948 und 1995) übertrug Ángel González Palencia das Werk unter dem Titel El filósofo autodidacto ins Spanische.
Die nächste deutsche Ausgabe erschien 1987 unter dem Titel Der Ur-Robinson in München, bearbeitet von Otto Best.

Pico de la Mirandola, Leibniz, Locke, Spinoza, Lessing, Mendelssohn, Bloch und andere kannten Ibn Tufails Roman und bezogen sich darauf. „Die Aufklärung war in vollem Gang und das Buch mit dem Untertitel „the self-taught philosopher“ behandelte die Idee der „tabula rasa“, eines arglosen Geistes, der sich aus eigener Kraft entwickelt, womit sich John Locke beschäftigte. Locke berief ein dringendes Treffen in London ein, um „diese Neuigkeit“ zu diskutieren und drei englische Übersetzungen waren die Folge. Spinoza machte erfolgreich Druck für eine holländische Übersetzung, Leibnitz [sic] war begeistert von dem Buch, das zweifach auf Deutsch übersetzt wurde …“ (Wainwright, Martin: Desert island scripts; The Guardian, Manchester, Saturday March 22nd, 2003; siehe auch: http://books.guardian.co.uk/review/story/0,12084,918454,00.html)

Auch Daniel Defoe scheint für seinen „Robinson Crusoe“ (1719) auf Ibn Tufails Werk zurückgegriffen zu haben und nicht nur auf die Erzählung des Schicksals von Alexander Selkirk. Lessing bescheinigte dem Text „aufklärerischen Inhalt“ und empfahl ihn an Mendelssohn, der darin „die Denkart und das ganze System unserer hebräischen Weltweisen“ (1763) wiederfand. Die Übersetzung Hayy Ibn Yaqdhans von Eichhorn als der „Naturmensch“ (1783) deutet auf eine Verbindung zu Rousseaus Roman „Emile“ hin.  Bloch wiederum sah in Hayy Ibn Yaqdhan eine Mischung aus Abraham und Kant.

Die jüngere Rezeptionsgeschichte weist eine Vielfalt an Veröffentlichungen und Kommentaren auf. „[Der Roman] wurde von einem weisen alten Moslem aus Andalusien geschrieben und ist der am dritthäufigsten übersetzte Text aus dem Arabischen nach dem Koran und den Märchen von 1001 Nacht.“ (Wainwright, 2003 s.o.)

* * * Ibn Tufail: Hayy Ibn Yaqdhan. Ein muslimischer Inselroman; Wien 2007 * * *

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