Ibn Sina

Ibn Sina

Ibn Sina (lateinisiert: Avicenna) wurde 980 in Afschana in der Nähe von Buchara geboren und starb 1037 in Hamadan (Iran), wo er auch begraben liegt. Die letzten eineinhalb Jahrzehnte seines Lebens lehrte er Philosophie und Medizin in Isfahan.

Ibn Sina machte bereits als junger Arzt wegen seiner großen Heilerfolge von sich reden. Als begehrter Arzt in den Herrscherhäusern hatte er Zugang zu deren reichen Bibliotheken, aus denen er autodidaktisch sein Wissen erweiterte. Die Schriften des Aristoteles, Plotins und al-Farabis beeinflussten sein philosophisches Denken.  Nach Aristoteles ist die Materie das Substrat aller Dinge, und sie besitzt selbst keine Eigenschaften. Erst durch die Verbindung mit der Form wird sie zur Wirklichkeit. Der Begriff morphe steht für Gestalt, Aussehen oder Form, hyle hingegen bezeichnet die Substanz, Materie bzw. Stofflichkeit (Hylemorphismus).

Dieser Gedanke hatte großen Einfluss auf die mittelalterliche islamische Philosophie und wurde dort weiterentwickelt: Im kitab asch-schifaa ("Buch der Genesung"), dem metaphysischen Hauptwerk Ibn Sinas, das sich mit der Heilung der Seele beschäftigte, unterschied er zwischen dem Wesen der Dinge und ihrer Existenz. Er stellte fest, dass Existenz keine notwendige Bedingung des Wesens sei und dass von seiner inneren Konsistenz bloß die Möglichkeit zur Existenz abhinge. Aus sich selbst seien die Dinge der Welt also immer nur möglich, aber nie notwendig. Und weil sie aber existierten, musste es eine notwendige Ursache dafür geben, die wiederum eine notwendige Ursache hatte und an deren Ende sich eine Existenz fand, deren Notwendigkeit zum Wesen gehörte. Diese notwendige Existenz war Gott, der zugleich Ursache und notwendige Bedingung für alles andere war (Kontingenzbeweis der Existenz Gottes).

Weil also die Welt und die menschliche Vernunft aus dieser selben Quelle stammten, hielt Ibn Sina eine adäquate Erkenntnis der Welt durch die Vernunft für möglich.

Wie al-Farabi war auch Ibn Sina ein Verfechter der Theorie von der Ewigkeit der Welt. Beide argumentierten auf aristotelischer Grundlage und standen damit in einem scheinbaren Widerspruch zur koranischen Auffassung von der Erschaffung der Welt. Die Philosophen begründeten diese Divergenz damit, dass die Sprache der Offenbarung aus dem Grund bildhaft war, dass sie von der nichtphilosophischen Mehrheit der Menschen verstanden werden konnte. Und nur wenn der geoffenbarte Text wörtlich genommen würde, stünde er im Widerspruch zu den philosophischen Theorien. Richtig – nämlich philosophisch – interpretiert, befänden sich die Wahrheiten von Offenbarung und Philosophie in Übereinstimmung.

Im Laufe seines Lebens verfasste Ibn Sina an die 100 Bücher. Er schrieb in Arabisch und auf Farsi (Persisch). Ibn Tufail bezieht sich unter anderem auf sein heute verloren gegangenes al-falsafa al-maschriqiyya ("Die orientalische Philosophie").

Ibn Sinas medizinisches Lehrbuch al-qanun fi at-tibb ("Der Kanon der Medizin") wurde zur Grundlage wissenschaftlicher Heilkunst im gesamten mittleren Osten und in Europa.  Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zählte es neben den Werken von Hippokrates und Galen zu den Grundlagen medizinischer Ausbildung.

* * * Ibn Tufail: Hayy Ibn Yaqdhan. Ein muslimischer Inselroman; Wien 2007 * * *

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