Kalam

Kalam

Das islamische Denkgebäude lässt sich anhand seiner Fragestellungen in zwei Bereiche unterteilen:
Zum einen gibt es die „Wissenschaft des Wortes“, ilm al-kalam, die sich mit den Glaubensfragen und Prinzipien der islamischen Religion beschäftigt (eigentlich: "Wissenschaft vom Wort Gottes", Theologie). Es geht dabei um Themen wie die Einheit und die Attribute Gottes, die Prophetie, die Offenbarung, das Jenseits, die Belohnung und Bestrafung, die Vorsehung oder die menschliche Freiheit.
Zum anderen gibt es die religiöse Jurisprudenz, ilm al-figh, die sich mit den Belangen der Verhaltensregeln auseinandersetzt. Ein Teil davon umfasst die vorgeschriebenen Rituale, wie Gebet, Fasten, Pilgerfahrt etc., ein anderer Teil betrifft vertragliche Vorschriften, wie Eheschließung, Erbschaft, Kauf, Tausch, Miete etc.

Der Bereich der Glaubenssätze, ilm al-kalam, entwickelte sich anhand aufkeimender Diskussionen zu einer theologischen Disziplin, in der sich im Laufe der Zeit verschiedene Schulen herausbildeten. Der Beginn der Eigenständigkeit dieser Disziplin kann in der zweiten Hälfte des siebenten Jahrhunderts angesiedelt werden. Al-Hasan al-Basri (642 – 728) wird oft als Begründer angeführt, da von ihm die ersten Diskussionen zur Willensfreiheit des Menschen bekannt wurden.

Die Aufgabe des Kalam war es, die Wahrheit des religiösen Glaubens zu argumentieren. Zweifel und Einwände sollten beseitigt, anders lautende Standpunkte überzeugend entkräftet werden. Die im Kalam debattierenden Theologen wurden Mutakallimun ("die sich Beredenden") genannt. Solange die Dispute innerhalb der islamischen Gemeinschaft stattfanden, war der koranische Grundkonsens jedenfalls gegeben. Als die Araber in der Mitte des siebenten Jahrhunderts jedoch den Irak eroberten, trafen sie auf neue Ideenwelten, wie etwa die hellenistische Philosophie oder das indische Denken, und sie trafen dabei auf Menschen, die nicht auf der Grundlage des Koran diskutierten.

Auf diese Art wurde die polemische Auseinandersetzung bereits zur Zeit der zu Ende gehenden Umayyaden-Dynastie (661 – 749) bereichert. Die frühen Kalifen des nachfolgenden Herrschergeschlechts, der Abbasiden, förderten Übersetzungen aus anderen Kulturen in besonderem Maß. Al-Maamun (809 – 833), ein Unterstützer der mutazilitischen Theologie, gründete ein Haus für Gelehrte und Übersetzer, das zugleich eine Bibliothek war. Diese Einrichtung wurde als bayt al-hikma ("Haus der Weisheit") berühmt. Die Übersetzer der griechischen Texte ins Arabische waren hauptsächlich Syrisch sprechende Nestorianer, Jakobiten und Sabäer. Für die Teilnahme an den Studien im bayt al-hikma war der islamische Glaube keine Voraussetzung. Ein großes Spektrum an Schriften, insbesondere solche aus den Bereichen der Medizin, Astronomie, Mathematik und Naturwissenschaften, die auch Logik und Philosophie beinhalteten, wurde auf hohem wissenschaftlichen Niveau in einer relativ kurzen Zeitspanne übersetzt, bearbeitet und kommentiert. Die philosophischen Ideen jener Periode standen entsprechend ihrer Quelltexte in der Tradition von Platon, Aristoteles und den Werken des Neuplatonismus.

* * * Ibn Tufail: Hayy Ibn Yaqdhan. Ein muslimischer Inselroman; Wien 2007 * * *

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