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Al-Farabi

Al-Farabi

Al-Farabi wurde um 870 geboren. Seine Herkunft ist strittig, er war entweder persischer oder türkischer Abstammung, kam aber bereits als Kind nach Damaskus, wo er 950 auch verstarb. Er war einer der bedeutendsten islamischen Philosophen des Mittelalters, ein herausragender Logiker und ein ausgezeichneter Musiktheoretiker. Seine vielfältigen und umfassenden Kommentare zu Aristoteles brachten ihm den Namen „Zweiter Lehrer“ (neben Aristoteles als erstem) ein.

Al-Farabis Metaphysik, Kosmologie, Psychologie und Erkenntnistheorie standen in engem Zusammenhang mit seinem politischen Denken. Seiner Emanationstheorie zufolge geht die Welt von Gott aus, von dem ein erster Intellekt emaniert („ausfließt“). Der Intellekt der höchsten Sphäre ist als unmittelbare Emanation des göttlichen Intellekts am vollkommensten, während die Welt von Entstehen und Vergehen die letzte Emanation des wirkenden Intellekts ist. Dieser Intellekt kann als eine Art erkenntnisvollen Seelenzustands oder als Vernunftseele verstanden werden. 

Der Mensch in der Welt von Entstehen und Vergehen verfügte über eine solche Vernunftseele und war daher potenziell zu Erkenntnis fähig. Die Unterscheidung, ob etwas tatsächlich stattfindet oder ob sein Stattfinden zwar möglich, aber eben nicht aktuell ist, wird in der Philosophie als in actu („dem Akt nach“ – aktuell, verwirklicht) und in potentia („der Potenz nach“ – potenziell, möglich) bezeichnet.

Der Mensch war also aufgrund der Vernunftseele zunächst der Potenz nach erkenntnisfähig. Aus diesem Grund war er unter den Dingen der Welt hierarchisch am höchsten gestellt. Seinen Intellekt musste er aber erst noch verwirklichen. Diese Aktualisierung der Vernunftseele nahm ihren Ausgang in der Sinneswahrnehmung, durch deren Reize der wirkende Intellekt arbeiten, umsetzen und abstrahieren konnte. Eine verwirklichte Vernunftseele wurde immateriell und daher vom Körper trennbar. Eine solche erkenntnisvolle Seele erfuhr nach dem Tod des Körpers im Verband mit anderen Seelen ewige Glückseligkeit. Seelen, die aus der Potenzialität nicht in die Aktualität gelangten, konnten sich nicht von der Materie trennen und mussten deshalb mit ihr untergehen. Al-Farabi wusste auch von Seelen, die verwirklicht waren, sich aber gegen den Weg der Erkenntnis entschieden hatten. Solche Seelen hatten dann ebenfalls eine immaterielle Existenz, die sie jedoch in großer Qual zubrachten.

Von al-Farabi sind über 100 Bücher erhalten, 43 davon zur Logik. Viel beachtet werden aber auch seine Schriften zur Musik, wie zum Beispiel kitab al-musiqa al-kabir ("Das große Buch der Musik"), oder seine soziologischen Werke wie risala fi ara ahl al-madinat al-fadhila ("Abhandlung über die ideale Stadt"). Über viele Jahrhunderte fand das philosophische Textbuch fusus al-hikam ("Siegel der Weisheit") Verwendung, genauso wie kitab ihsa al-'ulum ("Buch über die Einteilung der Wissenschaften"). Ibn Tufail erwähnt folgende Texte al-Farabis: kitab al-milla al-fadhila ("Buch über die ideale Religion"), as-siyasah al-madamiyyah ("Der Musterstaat") und kitab al akhlaq ("Buch der Ethik").

* * * Ibn Tufail: Hayy Ibn Yaqdhan. Ein muslimischer Inselroman; Wien 2007 * * *