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Al-Ghazali

Al-Ghazali

Al-Farabi und Ibn Sina, diesen Wegbereitern der Falsafa, folgte der Ascharit al-Ghazali, ein Erzkritiker der Lehren des älteren Kalam. Er wurde 1058 in Tus (Iran) geboren und starb 1111 ebenda. Al-Ghazali studierte Recht, Theologie, Logik und Philosophie, gewann rasch an Ansehen und wurde im Alter von 33 Jahren an die Universität von Bagdad berufen. Er lehrte und verfasste einige Bücher, unter anderem das von Ibn Tufail zitierte mizan al-´amal ("Waage des Handelns"). Sein wachsendes Wissen stürzte ihn bald in eine tiefe Krise, getragen vom Zweifel an der Möglichkeit jeglicher Erkenntnis. 

In seinem Werk tahafut al-falasifa ("Inkohärenz der Philosophen") stellte er die Konzepte der Falsafa in Frage. Er referierte in dieser Schrift die wichtigsten philosophischen Meinungen seiner Zeit, um sie in der Folge scharf anzugreifen. Auf diese Weise verteidigte er auch das theologische Dogma von der Erschaffung der Welt ex nihilo gegen die Lehre von der Ewigkeit der Welt.

Al-Ghazali ging es in seiner Kritik allerdings nicht um die philosophische Methode, denn dieser konnte er einiges abgewinnen. Besonders die aristotelische Logik hatte es ihm angetan, und er selbst verfasste mehrer Werke zur Logik. Wogegen sich al-Ghazali aber richtet waren die metaphysischen Thesen der Philosophen. Im tahafut al-falasifa bezichtigte er Philosophen wie al-Farabi oder Ibn Sina des Unglaubens, indem er ihre Konzepte von Gott und dem Prophetentum in Frage stellte. Er griff dabei die Philosophie mit ihren eigenen Waffen an, indem er sich vernünftiger Begründungen und logischer Argumentationen bediente.

Al-Ghazali war aufgrund eigener Erfahrungen von der Unzuverlässigkeit der Vernunft in metaphysischen Fragen überzeugt und begann, sich mit dem Sufismus zu befassen. Seine Lehrtätigkeit und die Anhäufung von Wissen wurden ihm zuwider. Als er auch noch schwer krank wurde, entschloss er sich, sein Leben zu ändern. Er wollte er Erkenntnis durch Erfahrung erlangen und wusste, dass ihm weder sein Wissen noch die Vernunft dabei helfen würde. Er verließ seine Arbeit und seine Familie und ging als Sufi nach Damaskus, später nach Jerusalem.

Das Herz bekam eine zentrale Bedeutung in seinem Denken, von dem die Vernunft nur ein Teil war. Das Herz war ein göttliches Organ, durch das der Mensch rechtgeleitet wurde. Es besaß die Fähigkeit zur Gotteserfahrung und musste deshalb von irdischem Ballast frei gemacht und frei gehalten werden. Was al-Ghazali in diesen Jahren der Verinnerlichung erlebte, gab er nicht preis. Seine (auch von Ibn Tufail) zitierte Aussage dazu stammt aus dem al-munqidh min al-dhalal ("Der Erretter aus dem Irrtum"): "Es geschah, was geschah, ich erinnere es nicht. Als Gutes vermut´ es, erfrage es nicht."

* * * Ibn Tufail: Hayy Ibn Yaqdhan. Ein muslimischer Inselroman; Wien 2007 * * *