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Ollanta

Ollanta

Die Literatur der Inkas bestand aus Lyrik (Yarahui) und Schauspielen. Ihre Dichter waren Gelehrte (Amauta), die sowohl gesetzeskundig als auch Hüter der religiösen und sozialen Sitten und Gebräuche waren. Die Schauspiele beschäftigten sich inhaltlich entweder mit Siegen und Heldentaten aus der Geschichte der Inkas, oder sie waren Lustspiele, die vom Leben des Volkes handelten. Diese Dramen wurden im Rahmen von Festlichkeiten meist vor dem Inka aufgeführt; die Schauspieler waren Mitglieder der Inkafamilie.

Da es in der Quechuasprache keine Buchstabenschrift gab und das Aufzeichnungssystem aus Knoten (Kipu) sich nicht zum Festhalten von Versen und Rhythmen eignete, kann man heute auf keine andere Quelle der Quechua-Literatur zurückgreifen als auf mündliche Überlieferungen.

Eine solche Überlieferung ist die Sage von Ollanta. Sie erzählt mit von einander abweichenden Einzelheiten von einem Provinzstatthalter dieses Namens. Er kam aus dem Volk und hatte sich um den Inka verdient gemacht. Schließlich verführte er dessen Tochter und floh, als dies bekannt wurde, in seine Heimat Antisuyu. Dort wiegelte er die Bevölkerung gegen den Inka auf und erklärte die Provinz für unabhängig. Erst ein anderer Provinzstatthalter und Gefolgsmann des Inkas, Rumi-Ñahui, konnte durch eine List in die Festung Ollantas eindringen und das aufständische Antisuyu zurückerobern.

In einer heute unbekannten, ursprünglichen Version der Überlieferung werden außer den Namen Ollanta und Rumi-Ñahui keine weiteren genannt, während diese Namen sich wiederum in keiner Quelle zur inkaischen Geschichte wiederfinden. Eine genaue Datierung der Sage oder eine detaillierte Recherche zu den Umständen anhand ihres Inhaltes ist deshalb nicht möglich. Es ist nicht einmal sicher, ob es einen Mann namens Ollanta tatsächlich gegeben hat. Eine der vielen Theorien rund um das Drama besagt, dass Ollanta der Name einer Herrscherfamilie vor der Zeit der Inkas gewesen sein könnte, nach der der Ort Ollantaitambo benannt worden war. Vielfach findet sich der Name des Helden statt Ollanta auch als Ollantaï oder Ollantay geschrieben, was nach Gavino Pacheco Zegarra „der von Ollanta“ oder „der Ollantaner“ bedeuten könnte.

Die erste gedruckte Version der Sage publizierte José Manuel Palacios auf Spanisch im Jahr 1837 in Kusko in seiner Zeitschrift Museo erudito. Sie trug den Titel Tradición de la rebelión de Ollantay, y acto heróico de fidelidad de Rumi-Ñahui, ambos generales del tiempo de los Incas ("Überlieferung der Rebellion Ollantays und des heldenhaften Aktes der Treue Rumi-Ñahuis, beide Generäle zur Zeit der Inkas"). Der Text war in Prosa verfasst.

Es wird heute angenommen (vgl. u.a. Porras Barrenechea, Raúl: El Legado Quechua; Lima, 1999), dass nicht nur dieser Text von Palacios, sondern auch ein Großteil der im weiteren Verlauf der Zeit aufgetauchten Manuskripte und Papiere auf eine einzige verschriftlichte Version der Sage zurückzuführen sind, nämlich auf jene aus dem Nachlass des 1816 verstorbenen Jesuitenpaters Antonio Valdez, Pfarrer von Sicuani. Dieser dürfte den mündlich überlieferten Text als erster aufgeschrieben haben, und er hat ihn dabei vielleicht einer Veränderung unterzogen, indem er das Ende des Dramas durch einen Akt der Begnadigung und eine Hochzeit aufbesserte. Von einem tragischen Ende in der mündlich tradierten Version behauptete José Sebastian Barranca zu wissen.

Der Ursprung der Geschichte vor ihrer ersten Aufzeichnung wird im Dunkeln bleiben. Viele der mit dem Text befassten Forscher sind sich jedoch darüber einig, dass dieses Stück „an die Tradition anschließt“, dass es „als im Grunde zusammengesetzt aus Stücken von unbestrittenem altem Ursprung“ sei. Es wird auch für einen „reinerhaltenen Überrest der alten Inka-Litteratur“ gehalten und auf die Epoche „der größten Entwicklung des Inka-Reichs, aus der Regierungszeit des Inka Huaina Kapac“ datiert (Middendorf, Ernst Wilhelm: Die einheimischen Sprachen Perus, 3. Band – Ollanta, ein Drama der Keshuasprache; Leipzig, 1890, S 133f).

Spanischer Herkunft ist jedenfalls die Einteilung des Schauspiels in Akte und Auftritte, die der des klassischen spanischen Dramas entspricht. Auch die Figur des lustigen Dieners Ollantas, Piqui Chaqui, dürfte der Überlieferung hinzugefügt worden sein.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts tauchten rasch hintereinander verschiedene Übersetzungen des Textes auf, die unterschiedliche Manuskripte als ihren Ursprung nannten:

Da ist zunächst die Manuskript-Abschrift zu erwähnen, die in die Hände von Johann Jacob von Tschudi gelangte: Ein Mönch des Klosters Santo Domingo, das in Kusko an der Stelle des alten Sonnentempels steht, hat eine in der Klosterbibliothek vorhandene Handschrift für den Münchner Maler und Lateinamerika-Liebhaber Johann Moritz Rugendas abgeschrieben und nach Europa geschickt. Tschudi, der zu diesem Zeitpunkt mit der Erstellung einer Grammatik des Quechua beschäftigt war, veröffentlichte den Text in der Originalsprache im Anhang der Grammatik im Jahr 1853 unter dem Titel Ollanta oder die Strenge eines Vaters und die Grossmuth eines Königs (Tschudi, Johann Jacob von: Die Quechua-Sprache; Wien, 1853).

José Sebastian Barranca lieferte 1868 die erste spanische Version des Dramas. Er legte dieser Übersetzung den von Tschudi in seiner Quechua-Grammatik veröffentlichten Text zugrunde und nannte sie ebenso: Ollanta, o sea la severidad de un padre y la clemencia de un rey.

Ein weiteres Manuskript wurde 1871 vom Briten Clements Robert Markham übersetzt Ollanta. An ancient ynca drama. Translated from the original quichua. In dieser Publikation stellte er seine englische Übersetzung und seine Quelle in Quechua einander in Spalten gegenüber. Markham gab als Herkunft eine von ihm selbst angefertigte Kopie der Abschrift Pater Justinianis des von Pater Valdez niedergeschriebenen Textes des Ollanta-Dramas an. Auf diese Quellen und seine Forschungen zum inkaischen Ursprung des Dramas wies er im Vorwort hin, in dem er auch nicht mit Kritik an Tschudis Version sparte, die er für eine sehr nachlässig angefertigte Kopie desselben Textes hielt.
Tschudi überprüfte schließlich aufgrund dieser Behauptung Markhams Text und kam wiederum zu dem Schluss, dass der Brite sich in seiner Übersetzung mehr an Barrancas spanische Version des Dramas (also wiederum an den von Tschudi auf Quechua publizierten Text) gehalten hätte, als an den von ihm selbst als Quelle publizierten Text, welcher tatsächlich einige Abweichungen von Tschudis Vorlage enthielt.

1872 erschien in Kusko ein Buch zur Quechua-Grammatik von José Fernández Nodal, in dessen Anhang sich eine weitere Version des Ollanta-Dramas befand, die zwei Jahre später monografisch auf Quechua und Spanisch unter dem Titel Los vínculos de Ollanta y Cusi-Kcuyllor, ó el rigor de un padre y magnanimidad de un monarca. Drama en Quechua ("Die Verbindung von Ollanta und Cusi Kcuyllor, oder die Strenge eines Vaters und die Großherzigkeit eines Monarchen") erschien. An den Quechua-Sprachkenntnissen Nodals sowie an den von ihm vorgenommenen und als Verbesserungen angeführten Veränderungen des Dramas gibt es bis heute heftige Kritik.

Die erste deutsche Übersetzung fertigte Tschudi 1875 an. Er hielt sich dabei allerdings nicht mehr ausschließlich an die von ihm 1853 publizierte Quelle, sondern versuchte den Text an unklaren und unleserlichen Stellen zu verbessern, „[d]a das Ollanta-Drama das wichtigste literarische Erzeugniß ist, welches wir überhaupt von amerikanischen Indianersprachen besitzen und deshalb sowohl sachlich als auch sprachlich eine sehr bemerkenswerthe Stelle in der Geschichte des Schriftthums einnimmt“ (Tschudi, Johann Jacob von: Ollanta, ein altperuanisches Drama aus der Quechua-Sprache ; Wien, 1875). Er orientierte sich bei dieser Übersetzung an seiner eigenen Vorlage, an der von Markham abgeschriebenen Kopie, an einem sogenannten „bolivianischen Manuskript“ (d. i. eine weitere, aber unvollständige, in Arequipa von Tschudi erworbene Ausgabe des Dramas) und der Version von Nodal. Er stellte dabei nun ebenfalls den Text in Quechua der deutschen Version in Spalten gegenüber und erläuterte mit zahlreichen Fußnoten seine Übersetzung.
Auf Tschudis Wunsch bearbeite Albrecht Graf Wickenburg 1876 diese Übersetzung metrisch, um „demselben die poetische Farbe des Originals wenigstens annähernd wiederzugeben“ (Wickenburg, Albrecht Graf: Ollanta. Peruanisches Original-Drama aus der Inca-Zeit; Wien, 1876).

Ebenfalls 1876 erschien auch in Lima das Drama in Versen. Diese weitere spanische Übersetzung und seine Bearbeitung erfolgte durch den peruanischen Dichter Constantino Carrasco. Seinen Text widmet er Barranca als erstem Übersetzer des Stückes. Durch seine poetische Bearbeitung fand das Schauspiel Eingang in den literarischen Club von Lima, woran sich Debatten um die Frage nach der indigenen Kultur entzündeten.

1878 schließlich veröffentlichte der peruanische Linguist Gavino Pacheco Zegarra eine französische Übersetzung des Stückes, ebenfalls indem er die Texte in Original- und Übersetzungssprache einander gegenüberstellte. Den Quechua-Text ließ er in den Buchstaben des von ihm entwickelten Quechua-Alphabets drucken. Die Grundlage seiner Übersetzung bildete ein Manuskript, das er von seinem Großonkel Pedro Zegarra, einem bekannten Quechuisten, geerbt hatte. Er zog jedoch, eigenen Aussagen zufolge, bei der Übersetzung immer wieder den Text Tschudis von 1853 heran, den er für den älteren und korrekteren hielt. Die Bearbeitung des Quechua-Textes von Tschudi aus dem Jahr 1875 kritisierte er dabei heftig.

1890-92 verlegte Brockhaus das mehrbändige Werk „Die einheimischen Sprachen Perus“ verfasst vom deutschen Arzt Ernst Wilhelm Middendorf. Im dritten Band widmete er sich dem Ollanta-Drama, seinen kulturellen Hintergründen, der Geschichte des Textes, den verschiedenen Manuskripten und anderen Quellen sowie den Fehlern, der Sprache, dem Alter und einer neuen Übersetzung. Als die beiden wichtigsten und authetischsten Quellen betrachtete auch er die Quechua-Abschriften von Tschudi aus dem Jahr 1853 und von Markham aus dem Jahr 1871. Diese Texte stellte er nebeneinander, kommentierte ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten und deckte auf diese Weise Schreibfehler auf.

In der weiteren Folge wurden vor allem im lateinamerikanischen Raum immer wieder neue Übersetzungen und Bearbeitungen des Dramas vorgelegt. 1937/38 ließ Hipólito Galante in den Ausgaben 1 und 2 der Zeitschrift Sphinx eine Faksimileausgabe des Justiniani-Manuskriptes drucken und übersetzte den Text ins Lateinische.

Weitere Quellen oder Manuskripte sind seither nicht mehr aufgetaucht.

Im deutschsprachigen Raum wurde 1983 im Anhang einer Arbeit zum Thema Theater im Klassenkampf Lateinamerikas die Übersetzung Middendorfs des Ollanta-Dramas abgedruckt (Blanco, Ricardo: Von Apu Ollantay bis Brecht; Berlin, 1983).

Der Publikation aus unserer Edition diente die metrische Bearbeitung der Übersetzung Tschudis durch Wickenburg als Grundlage. Seine Überarbeitung und weitläufige Neugestaltung geht auf den Vergleich mit den gedruckten Abschriften der Originalversionen und ihrer Übersetzungen unter Berücksichtigung der Kommentare von Markham, Pacheco Zegarra, Middendorf und Rojas sowie auf wissenschaftliche Publikationen zum Thema zurück. Die Einteilung in Akte und Auftritte wurde sinngemäß angepasst.