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Quechua

Quechua

Die Sprache, die im Reich der Inkas gesprochen wurde und die sich bis heute als eine der Sprachen der indigenen Andenbevölkerung erhalten hat, heißt Quechua. Mit diesem Wort wurde in vorspanischer Zeit ein indigenes Volk der mittleren Andenhochtäler bezeichnet. Quechua wird heute von ca. 10 Millionen Menschen in verschiedenen Dialekten als Muttersprache gesprochen.

Die Inkas, die der Sage nach aus der Gegend um den Titikakasee kamen, sprachen Inca-Simi (Simi = Wort). Diese Sprache wurde im Verlauf der Geschichte des Inkareiches nur innerhalb der Herrscherfamilie gesprochen und ist aufgrund seiner mangelnden Verbreitung bald nach der Eroberung des Landes durch die Spanier völlig verschwunden.

Die Sprache des Volkes, in dessen Gegend die Inkas eingewandert sind, war Runa-Simi (Runa = Mensch). Die Inkas bedienten sich dieser vorgefunden Sprache in der allgemeinen Kommunikation, verfeinerten ihren Gebrauch und sorgten durch Lehrer dafür, dass sie in allen neu einverleibten Gebieten erlernt wurde. Runa-Simi, das heute als Quechua bezeichnet wird, war Staatssprache im Inkareich.

Die Quechuas kannten keine Schrift, wenn man von ihrem Aufzeichnungssystem durch Knoten absieht (Kipu). Als die Spanier das Reich eroberten, begannen diese, die indigene Sprache auf der Grundlage des lateinischen Alphabets nach spanischer Phonetik aufzuzeichnen. Für eine adäquate Wiedergabe der vielen Feinheiten des Quechus war dies allerdings nicht ausreichend.
„… Kechua ist wie die meisten amerikanischen Sprachen eine vorherrschend gutturale und besitzt mehrere für die Nichtindianer fast unnachahmbare Laute. Besonders gilt diess für eine Reihe von Consonanten … Eine auffallende Schärfe und Härte in der Aussprache wird durch die Abwesenheit mehrerer Consonanten und durch die starke Aspiration oder schnalzende Verschärfung anderer bedingt.“ (Tschudi, Johann Jacob von: Die Quechua-Sprache; Wien, 1853, S 32)

Ernst Wilhelm Middendorf beschreibt die Laute des Quechua als „gewisse Modifikationen der Aussprache … und zwar in allen Konsonantenklassen nach demselben Prinzip … eine einfache, welche mit der deutschen (und spanischen) übereinstimmt, ferner eine gehauchte oder aspirierte, und endlich eine starke, eigentümlich gepreßte, welche am passendsten als explosive bezeichnet wird“ (Middendorf, Ernst Wilhelm: Die einheimischen Sprachen Perus, 3. Band – Ollanta, ein Drama der Keshuasprache; Leipzig, 1890, S 150ff). Er versuchte, das Problem der Aufzeichnung zu lösen, indem er den unterschiedlich hervorgebrachten Mitlauten Akzente in verschiede Richtungen voran- oder hintanstellte und zeigte anhand einiger Vokabel die Wichtigkeit dieser Unterscheidung:

‛kapaj – reich, mächtig
k’apaj – wohlriechend, schmackhaft
 
chaqui – Fuß
ch’aqui – trocken
 
tanta – Versammlung von Leuten
‛tanta – zerlumpt, zerrissen
t’anta – Brot

Gavino Pacheco Zegarra, ein peruansicher Linguist, entwickelte aus diesem Grund ein eigenes Alphabet für die Phonetik der Quechua-Sprache, indem er zur besseren Darstellung und Unterscheidung der verschieden intonierten Konsonanten einige neue Buchstaben entwarf. Dieses Alphabet stellte er 1875 beim Amerikanistik-Kongress in Nancy (F) vor; es setzte sich jedoch nicht durch.

Seit den ersten Aufzeichnungen in Quechua gab es viele solcher Versuche zur Herstellung einer phonetisch annähernd zutreffenden Schreibweise; doch erst ab den 1970er Jahren wurden in Peru und in Bolivien offizielle Standards entwickelt, die einander inzwischen weitestgehend angeglichen sind. In den überlieferten Texten und insbesondere in den frühen Handschriften finden sich aus den erwähnten Gründen auch heute noch viele verschiedene, oft sehr willkürlich erscheinende Schreibweisen für ein und dieselben Wörter der Quechua-Sprache.

Quechua ist eine agglutinierende Sprache. Das bedeutet, dass näher bestimmende sprachliche Elemente nicht in Form von Nebensätzen oder mit ergänzenden Worten ausgedrückt werden, sondern dass sie als Silben (Suffixe) an das unverändert bleibende, die Aussage tragende Wort angehängt werden. Dabei können etwa ganze Nebensatzkonstruktionen mitsamt ihren Konjunktionen als Silben an das Verb gehängt werden.
Auch die Deklination von Hauptwörtern, ihre Verneinung, die Pluralbildung, ihre Beziehung zu anderen Teilen der Aussage und vieles andere werden als Silbe am Wortende deutlich.

z.B.:  „-cha“ bedeutet, dass etwas nur wahrscheinlich oder noch unsicher ist
         „-icu“ zeigt an, dass eine Handlung mit Liebe und Aufmerksamkeit ausgeführt wird
         „-chus“ charakterisiert die indirekte Frage

Das Aneinanderhängen der Silben erfolgt in einer festgelegten Reihenfolge.

Diese Leseprobe, der Racheschwur Ollantas (Verse 529-564), ist der ersten abgedruckten Aufzeichnung des Schauspiels entnommen (Tschudi, Johann Jacob von: Die Quechua-Sprache; Wien, 1853, S 82):

Ah Ollanta? Ah Ollanta?
Chainatachu hurccusunqui
Llipi llactac cañiquiman?
Chaichica yanascaiquiman?
Ay! Cusi Ccoillur huarmillay
Cunanmi chincarichiqui
Ñan ñocca pisipachiqui
Ay Ñusta! ay urpillai!
Ay Ccozcco! ay sumac Llacta?
Cunamanta ccayamancca
Auccan casac, casac Auca
Chai ccasccoiquita ccaracta
Lliquirccospa sonccoiquita
Cunturcunaman conaipacc
Chai Aucca, chai Yncaiquita:
Huñu huñu huaranccata
Anticunata llullaspa
Suyuicunata tocllaspa
Pusamusacc pullccanccata,
Sacsa huamanpin ricunqui
Rimaita phuyuta hin,
Chaipin sayarincca nina
Yahuarpin chaipi puñunqui
Chayqueipin cancca Yncaiqui,
Chaipacham paipas ricuncca
Pisinchus ñoccaapac Yunca
Puchunccachus chai cuncaiqui:
Manapunim ccoiquimanchu
Ñihuaracc chai ususinta?
Pascarinracc chai siminta?
Manan ccampacca canmanchu
Ñispa, uticui phinascca
Cconccor sayaspa mañactei?
Yncan paipas ñocca cactei
Tucuimi chaicca yachasca.
Cunancca caillaña cachun …

 

 * * * Dietrich-Ortega, L. & Frysak, V. (Hg.): Ollanta. Ein Inka-Schauspiel, Wien 2007 * * *