Hayy Ibn Yaqdhan
Aus dem Wiki der Edition Viktoria
| Hayy Ibn Yaqdhan Ein muslimischer Inselroman | |
| ISBN 978-3-902591-01-2 | |
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Inhaltsverzeichnis |
Inhalt
Ibn Tufail beschreibt in diesem Roman den stufenweisen Prozess der Erkenntnis des Protagonisten Hayy Ibn Yaqdhan, der als Säugling auf einer einsamen Insel von einer Gazelle gefunden und aufgezogen wird.
Es gibt keine Bücher, keine Eltern, keine Religion, die ihn tradiertes Wissen lehren. Hayy Ibn Yaqdhan kommt durch eigene unbeeinflusste Gedankengänge zum Wissen über die Welt, die richtigen Verhaltensweisen und die Überzeugung der Existenz einer schöpfenden Kraft außerhalb der sinnlich erkennbaren Dinge. Von da an widmet er sich der Gottesschau bis er eines Tages auf Asal trifft, der sich zum Zweck der religiösen Einkehr auf der unbewohnt geglaubten Insel aussetzen ließ.
Durch diese Begegnung des Protagonisten mit einem Menschen islamischen Glaubens illustriert Ibn Tufail die Parallelität von Vernunft- und Glaubenswahrheit, nicht ohne auf subtile Weise der Vernunft dabei den Vorzug zu geben....
"Ibn Tufail hat eine populäre Überlieferung benutzt und sie mit Meisterhand transformiert, um sie seinen spekulativen Absichten zu Diensten zu machen ..." (Gauthier, Lèon (Übers.): Hayy Ben Yaqdhân, roman philosophique d´Ibn Thofaïl, texte arabe et traduction française; Beirut, 21936)
Hintergrund und Bedeutung
In der frühen muslimischen Theologie, dem Kalam, kam es schon in den ersten Jahrhunderten der islamischen Zeitrechnung zu einer intensiven Beschäftigung mit der vernunftgemäßen Begründung von Glaubensinhalten. Die Auseinadersetzung mit der Autorität des Argumentes sowie mit aristotelischer und neuplatonischer Philosophie und ihrer Methoden führten zur Falsafa, der islamischen Philosophie.
Für ihre wissenschaftlichen Beiträge in jener Zeit der muslimischen Scholastik sind bis heute unter anderem al-Farabi, Ibn Sina (Avicenna), al-Ghazali oder Ibn Ruschd (Averroes) bekannt.
In dieser Tradition steht auch Ibn Tufail von dessen Lehre allerdings kaum mehr als der Roman Hayy Ibn Yaqdhan erhalten geblieben ist. Dieser fasst dafür umso eindrücklicher den Stand der Wissenschaften jener Zeit und die verschiedenen Positionen in der Diskussion um die Auslegung der religiösen Inhalte des Koran zusammen. Er enthält die philosophische Lehre Ibn Tufails als erzählende Allegorie, die der Autorität der menschlichen Vernunft das Wort redet.
"Eine neue Auffassung der Vernunft, die die Paradoxien und Hindernisse der neuzeitlichen Aufklärungsvernunft überwindet [...] könnte für die weitere Begründung einer Säkularisierung, die zur Religiosität weder im Gegensatz noch im Widerspruch stehen muss, auch für den arabisch-islamischen Kontext nützlich sein." (Ben Abdeljelil, Jameleddine: Hayy Ibn Yaqdhan. Ein muslimischer Inselroman, Wien, 2007)
Rezeptionsgeschichte
Die Urheberschaft der Geschichte von Hayy Ibn Yaqdhan ist in der vorliegenden Form zweifellos dem Philosophen Ibn Tufail zuzurechnen. Es darf allerdings angenommen werden, dass Ibn Tufail sich an bestehenden Überlieferungen, Sagen und Geschichten bedient hat, um der Schilderung seiner Theorie einen erzählenden Rahmen zu verleihen.
Er selbst verweist darauf, dass die Protagonisten Asal und Salaman ihre Namen von Ibn Sina erhalten hätten. Was die beiden möglichen Anfänge der Geschichte betrifft, so sind weder die Spontangenese von Leben aus Lehm noch das Aussetzen eines Säuglings durch seine Mutter Erfindungen Ibn Tufails.
Es gibt außerdem eine Legende aus dem Leben Alexanders des Großen, die in vielen Details der Geschichte von Hayy Ibn Yaqdhan gleicht: das Aussetzen des Kindes durch die Mutter auf dem Wasser, der günstige Wind, der das Körbchen auf eine Insel treibt, das Großziehen des Säuglings durch eine Gazelle, die ihr Junges verloren hat, etc. Dass diese Alexanderlegende die Grundlage für Ibn Tufails Geschichte sei, behauptete M. Emilio Garcia Gómez 1926 in Un cuento árabe, fuente común de Abentofáil y de Gracian.
Die Rezeption im Abendland erfolgte über eine Fülle an Übersetzungen:
- 1349 schrieb Moses von Narbonne einen Kommentar für eine hebräische Fassung dieses Werkes, die von unbekannter Hand zu einem ebenfalls unbekannten Datum verfasst worden war.
- 1671 (Neuauflage 1701) wurde das arabische Werk von Edward Pococke jun. unter dem Titel Philosophus autodidactus, sive Epistola Abi Jaafar ebn Tophail de Hai ebn Yokdhan, in qua ostenditur, quomodo es inferiorum contemplatione ad superiorum notitiam Ratio humana ascendere possit. Ex Arabica in Linguam Latinam versa ab Eduardo Pocockio. ins Lateinische übersetzt.
- 1672 erschien eine holländische Version, der Pocockes lateinische Übersetzung zugrunde liegt. Die Übersetzung mit dem Titel Het Leeven van Hai Ebn Yokdhan stammt von einem Verfasser mit den Initialen S.D.B. Einige Theorien ordnen diese Übersetzung Spinoza zu, andere sprechen von Johan Bouwmeester.
- 1674 übertrug Georges Keith den Roman als Hayy Ben Yaqdhan. Alive, Son of Awake vom Lateinischen ins Englische.
- 1686 übersetzte George Ashwell dieselbe Quelle ins Englische unter dem Titel The history of Haï ebn Yokdhan.
- 1708 (Neuauflage 1711) publizierte Simon Ockley, ein Professor der Arabistik in Cambridge, eine englische Übersetzung auf der Grundlage des arabischen Textes. Sie trägt den Titel The improvement of human reason exhibited in the life of Hai ebn Yoqdhan.
- 1726 erstellte J. Georg Pritius auf Grundlage der englischen Übersetzung von Ockley die erste deutsche Fassung mit dem Titel Der von sich selbst gelehrte Weltweise; das ist eine angenehme und sinnreiche Erzählung der wunderbaren Begebenheiten des Hai Ebn Jakdhan.
- 1783 erschien die erste deutsche Übersetzung aus dem Arabischen von J. G. Eichhorn unter dem Titel Der Naturmensch oder Geschichte des Hai Ebn Joktan.
- 1875 wurde im "Verzeichnis der orientalischen Handschriften der Hof- und Staatsbibliothek München" ein unveröffentlichtes Manuskript erfasst. Es handelt sich um eine französische Übersetzung dieses Textes durch M. Quatremère mit dem Titel Le philosophe sans maïtre, ou la vie de Hai ebn Yoqdhan écrite en arabe par Abu-Jaafar Ebn Tophail.
- 1900 (Neuauflage 1936) verfasste Léon Gauthier eine französische Übersetzung Hayy ben Yaqdhan: roman philosophique d´ibn Thofaïl.
- 1900 (Neuauflage 1987) übersetzt Francisco Pons Boigues, ein spanischer Arabist, den Text ins Spanische El filósofo autodidacto de Abentofáil, novela psicológica traducida directamente del árabe, con prólogo de M. Menéndez Pelayo.
- 1905 erschien eine auszugsweise Übersetzung des Textes von Paul Brönnle auf Englisch unter dem Titel The Awakening of the Soul.
- 1907 wurde dieser auszugsweise Text von A. M. Heinck auf Deutsch unter dem Titel Das Erwachen der Seele übersetzt und publiziert.
- 1920 übersetzte J. Kuzmin den Text auf Russisch.
- 1934 (Neuauflagen: 1948 und 1995) übertrug Ángel González Palencia das Werk unter dem Titel El filósofo autodidacto ins Spanische.
- Die nächste deutsche Ausgabe erschien 1987 unter dem Titel Der Ur-Robinson in München, bearbeitet von Otto Best.
Weiterführende Links
- Ángel González Palencia: El filósofo autodidacto - Die Geschichte von Hayy Ibn Yaqdhan auf Spanisch
- Martin Wainwright: Desert Island Scripts in "The Guardian" über Hayy Ibn Yaqzan (englisch)

